Warum „Allah“ nicht mit „Gott“ übersetzt werden sollte

Von Jürgen Fritz, Sa. 26. Jun 2021, Titelbild: YouTube-Screenshot

Ich bitte alle Übersetzer und auch alle Journalisten, „Allah“ nicht in „Gott“ zu transformieren. Denn dies ist nicht nur nicht richtig, es ist irreführend und wirkt verschleiernd statt erhellend. Ich will auch gerne begründen, warum dem so ist. Dazu müssen wir ein wenig in die Grundlagen der Sprachphilosophie und der Logik eintauchen, insbesondere in die Prädikationstheorie, welche grundlegend ist für die Linguistik.

Prädikation als Grundlage jeder nicht ganz primitiven Sprache

Generell gibt es in Bezug darauf, worauf sich ein Ausdruck beziehen kann, zwei verschiedene Arten von Wörtern:

  1. singuläre Begriffe (Nominatoren) und
  2. generelle Begriffe (Prädikatoren).

Die alten Logikbegriffe „Nomen“ und „Prädikat“ benutzt man nicht mehr, weil dies leicht zu Verwechslungen mit den grammatikalischen Fachbegriffen führen kann, die zwar ähnlich, aber nicht deckungsgleich sind. Die moderne Logik ist hier deutlich präziser und erhellender als die Grammatik, wobei diese bereits wichtige ontologische Differenzen gut aufgreift. Diese Unterscheidung in Nominatoren und Prädikatoren ist elementar, ist grundlegend in der Linguistik.

Singuläre Begriffe (Nominatoren), wie Eigennamen (Immanuel Kant), Kennzeichnungen („der Mann, der am 22. April 1724 um so und so viel Uhr in Königsberg in dem Haus so und so von Frau XY geboren wurde“) und Demonstrativpronomen („der da“, „jenes Ding dort“) bezeichnen, wie der Name schon sagt, genau eine Entität, einen Gegenstand, ein Ding (Gegenstand, Ding im ontologischen Sinne). Mengentheoretisch werden mit Nominatoren solche Mengen bezeichnet, die genau aus einem Element bestehen.

Generelle Begriffe (Prädikatoren), wie Baum oder Haus oder rot, bezeichnen dagegen Mengen mit mehreren Elementen (manchmal aber auch gar keinem, wenn es kein Ding gibt, das die genannte Eigenschaft aufweist). Generelle Begriffe beziehen sich nämlich auf Eigenschaften von Entitäten. Alle Entitäten, die diese Eigenschaften aufweisen (eine bestimmte Pflanze aus Holz zu sein, mit Wurzeln und einem Stamm bzw. ein Gebäude sein mit bestimmten Eigenschaften, wie einer Tür, Fenstern usw. bzw. ein Ding sein, das eine bestimmte Farbe hat, mit einer bestimmten Wellenlänge des reflektierten weißen Lichts) werden jeweils unter diesen generellen Begriff Baum, Haus oder rot, unter diesen (einstelligen) Prädikator subsummiert: X ist ein Baum oder X ist ein Haus oder X ist rot. Dies nennt man Prädikation.

Durch Prädikationen kommt es zu einer Klasseneinteilung aller Entitäten, aller Dinge, mithin zu einer logischen Ordnung der Welt. (n-stellige Prädikatoren beziehen sich dabei auf Beziehungen zwischen zwei oder mehr einzelnen Gegenständen. „X ist größer als Y“ oder „X ist der Vater von Y“ oder „X ist die Ursache von Y“ oder „X liebt Y“ drücken also zweistellige Relationen, drücken Beziehungen zwischen jeweils zwei einzelnen Entitäten aus. „Ist gleich“ als dreistelliger Prädikator drückt die Beziehung zwischen zwei Entitäten in Bezug auf eine bestimmte Eigenschaft aus, die mit anzugeben ist: X und Y sind gleich in Bezug auf Z, zum Beispiel gleich groß oder gleich teuer oder gleich alt).

Die Prädikation ist eine Grundvoraussetzung für jede nicht ganz primitive Sprache, da es sonst gar keine generellen Begriffe, wie Haus, Baum, Mutter, Wind, rot, grün, schmackhaft, gefährlich, lieben etc. gäbe.

„Allah“ ist ein singulärer Begriff, kein genereller, und zwar ein anderer als „Gott“

Der Ausdruck „Allah“ bezieht sich, wie unschwer zu erkennen ist, nicht auf eine Klasse von Gegenständen, die alle eine Eigenschaft gemeinsam haben, sondern bezieht sich auf eine einzelne Entität, auf eine spezielle Gottesvorstellung, nicht auf die Klasse der Entitäten, die unter den generellen Begriff „Götter“ fallen. „Allah“ ist somit ein Nominator, ein singulärer Begriff, kein Prädikator, kein genereller Begriff.

Und dieser Nominator „Allah“ bezeichnet eine andere Entität als das deutsche Wort „Gott“, da dieses sich im christlichen Kulturkreis auf den christlichen Gott bezieht, der andere Eigenschaften hat als der jüdische, andere Eigenschaften als der islamische, andere Eigenschaften als die altägyptischen, die altgriechischen, die altrömischen, die germanischen oder indischen Götter.

Daher ist es nicht richtig, „Allah“ mit „Gott“ zu übersetzen. Bitte behalten Sie also den Ausdruck „Allah“ in Ihrer Übersetzung bei, weil dann immer sofort klar ist, dass der islamische Gott, genauer die islamische Gottesvorstellung gemeint ist, denn alle Götter haben natürlich die Eigenschaft gemeinsam, dass es kein Referenzobjekt in der Realität gibt, auf das man zeigen könnte, anders als bei einem Baum oder einer Kuh oder einem Haus oder einem Gegenstand, der rot ist. Wir reden hier also immer zunächst mal nur von Vorstellungen im Denken von etwas, bei dem jeweils völlig ungewiss ist, ob es dieses Etwas, diese Entität, dieses Ding in der Wirklichkeit, in der Realität überhaupt gibt.

Das semiotische Dreieck 1

Alle Götter haben zwar diese Eigenschaft, dass man in der Realität nicht auf sie zeigen kann, ihre Existenz mithin kontingent (möglich, aber nicht notwendig) ist, gemeinsam, wie sie auch einige andere Eigenschaften gemeinsam haben, z.B. Untersterblichkeit und große Macht. Daher fallen sie ja alle unter den generellen Begriff „Götter“. Aber sie haben auch jeweils unterschiedliche Eigenschaften, Zeus z.B. andere als Shiva. Daher handelt es sich bei jedem einzelnen Gott um ein Einzelding, das mit einem Nominator, einem singulären Begriff, zum Beispiel einem Eigennamen, zu bezeichnen ist.

Daher also meine Bitte: Übersetzen Sie „Allah“, genau wie „Zeus“ oder „Shiva“ nicht mit „Gott“. Das ist falsch. Wer „Allah“ sagt, der meint diesen spezifischen Gott respektive diese Gottesvorstellung, auf die Mohammed (sei es die historische Person oder die literarische Figur) sich bezieht. Wer „Allah“ sagt, der meint, die Entität, die im Himmel sitzt und den Original-Koran, verfasst ausschließlich in arabischer Sprache, neben sich liegen hat. Wer „Allah“ sagt, der meint jene Entität, welche Mohammed (direkt ober über einen Engel) die einzelnen Suren des Korans sukzessive eingeflüstert hat.

Genauer betrachtet reden wir nicht von Göttern, sondern von Gottesvorstellungen und zwar von verschiedenen Gottesvorstellungen, was sprachlich kenntlich zu machen ist

In Wahrheit reden wir natürlich immer nur von Gottesvorstellungen, also von Vorstellungen von X, Y und Z, weil wir kein reales Ding X, Y oder Z wahrnehmen können und gar nicht wissen können, ob es dieses X, Y oder Z jeweils gibt. Wer aber „Allah“ oder „Shiva“ sagt, der meint dann die Vorstellung von Allah oder Shiva und nicht die von Ammon, Zeus, Merkur und auch nicht die Vorstellung des Christengottes. Der Christengott hat nämlich, wie Ammon, Zeus, Merkur und Shiva auch, andere Eigenschaften als Allah.

Der Christengott hat z.B. einen Sohn, der die Vorstellung vom Vater maßgeblich veränderte (aus dem primär strafenden und gebieterischen Gott wurde ein eher liebender Gott). Und der Christengott hat keinen letzten Propheten Mohammed.

Und die folgenden Aufrufe zur Gewalt stammen nicht von dem Christengott, sondern von Allah, so zumindest in der Vorstellung der Mohammedaner. Und in dieser Sphäre der Gottesbegriffe reden wir ja immer nur von Vorstellungen, im semiotischen Dreieck von der oberen Sphäre, nicht von der unten links, dem Gegenstand in der Realität. Und auch in der Vorstellung wohl nahezu aller Christen stammen die die folgenden Gewaltaufrufe nicht von dem Gott, an den sie glauben! Ja selbst in der Vorstellung derer, die an gar keine Götter glauben, ist das so. Selbst sie kämen wohl nicht auf die Idee, die folgenden Suren Jesus oder dem Christengott zuzuordnen. Das würde nämlich überhaupt nicht mit dem zusammenpassen, was das Neue Testament über Jesus berichtet. Wobei Mohammed nicht der Frühere war, wie man meinen könnte, wenn man solche Zeilen liest, sondern der um etwa 600 Jahre (!) Spätere.

  • Sure 2, 191: “Und erschlagt sie (die Ungläubigen), wo immer ihr auf sie stoßt, und vertreibt sie, von wo sie euch vertrieben; denn Verführung (zum Unglauben) ist schlimmer als Totschlag …” – Aufruf zum Morden
  • Sure 4, 74: “Und so soll kämpfen in Allahs Weg, wer das irdische Leben verkauft für das Jenseits. Und wer da kämpft in Allahs Weg, falle er oder siege er, wahrlich dem geben wir gewaltigen Lohn.” – Versprechen von Belohnung für das Morden
  • Sure 4, 89: “Sie wünschen, dass ihr ungläubig werdet, wie sie ungläubig sind, und dass ihr ihnen gleich seid. Nehmet aber keinen von ihnen zum Freund, ehe sie nicht auswanderten in Allahs Weg. Und so sie den Rücken kehren, so ergreifet sie und schlagt sie tot, wo immer ihr sie findet; und nehmet keinen von ihnen zum Freund oder Helfer.” – Immunisierungsstrategie gegen Kritik und Verteufelung von Andersdenkenden sowie Aufruf zum Mord
  • Sure 8, 39: “Und kämpfet wider sie (die Ungläubigen), bis kein Bürgerkrieg mehr ist und bis alles an Allah glaubt …” – Benennung des Endziels
  • Sure 47, 4: „Und wenn ihr die Ungläubigen trefft, dann herunter mit dem Haupt, bis ihr ein Gemetzel unter ihnen angerichtet habt …“ – Aufruf zum Massaker

Wie falsch es ist, „Allah“ in „Gott“ zu transformieren, können Sie auch daran erkennen, was passieren würde, wenn Sie in Saudi-Arabien, im Iran, in Pakistan oder Indonesien, den Satz

„Zeus ist der höchste Gott von allen Göttern, er ist der Sohn des Titanenpaares Kronos und Rhea und thront auf dem Olymp“

in:

„Allah ist der höchste Gott von allen Göttern, er ist der Sohn des Titanenpaares Kronos und Rhea und thront auf dem Olymp“

übersetzen würden (natürlich auf arabisch, persisch etc.), oder den Satz

„Im Herzen eines jeden Menschen gibt es eine Leere, die nur Gott durch seinen Sohn Jesus Christus füllen kann.“ (Blaise Pascal)

in:

„Im Herzen eines jeden Menschen gibt es eine Leere, die nur Allah durch seinen Sohn Jesus Christus füllen kann.“

Noch weniger richtig ist es, „Allahu akbar“ mit „Gott ist am größten“ wiederzugeben

Der Christengott, an den die Menschen in christlichen Kultkurkreisen denken, wenn sie das Wort „Gott“ hören – ob sie an dessen Existenz glauben oder nicht, spielt dabei keine Rolle, es geht um die von dem Wort evozierte Vorstellung im Denk-, im Vorstellungsraum und etwas anderes haben wir ja nicht bei Göttern, weil diese in der Realität nicht wahrnehmbar sind -, der Christengott also ist ein anderes Einzelding, eine andere Entität als Allah (mit der Liebe kaum in Verbindung gebracht wird, sondern höchstens Barmherzigkeit und Gnade, aber eben auch anderes, siehe die zitierten Suren). Deswegen wäre es falsch „Allah“ mit „Gott“ zu übersetzen.

Das semiotische Dreieck 1

Oder wie Dietrich Schwanitz in Bildung – Alles, was man wissen muß ganz richtig schrieb: „Die wichtigste Gestalt unserer Kultur ist der Gott der Bibel. Und wer nicht an ihn glaubt (wer also meint, unten links im semiotischen Dreieck ist gar nichts, JF), bezieht seine Gottesvorstellung (oben im semiotischen Dreieck, JF) trotzdem von ihm, um ihn dann zu leugnen. Wer sagt, ich glaube nicht an Gott, meint nicht Zeus, sondern IHN“, den Gott der Bibel, nicht die Götter der altägyptischen, der griechischen, römischen, germanischen Mythologie oder der Hindus und auch nicht den Gott des Korans.

Noch weniger richtig ist es, „Allahu akbar“ mit „Gott ist am größten“ wiederzugeben. Denn wenn zum Beispiel eine radikaler Muslim ein Attentat begeht und dabei „Allahu akbar“ schreit, dann begeht er dieses Verbrechen ja gerade nicht im Namen des Christengottes, dessen Existenz er leugnet, sondern im Namen seiner Gottesvorstellung und diese ist nicht die von Ammon, Zeus, Shiva, von Jahwe oder des Christengottes, sondern eben die von Allah. Genau das macht ihn ja erst zum Mohammedaner bzw. Muslim. Und diese, seine Gottesvorstellung steht in Konkurrenz zu anderen Gottesvorstellungen, was ja gerade ein Motiv der Tat sein kann. Dies sollte nicht verschleiert oder vernebelt werden.

Das Ganze geht sogar noch tiefer. Denn es ist ja gerade so, dass viele Attentäter, die „Allahu Akbar“ schreien, während sie Menschen töten oder schwer verletzen, eben mit dieser Tat zum Ausdruck bringen und nach außen hin zeigen wollen, dass ihr Gott, ihre Gottesvorstellung über dem Christen- oder über dem Gott der Juden, über den Göttern der Hindus oder was auch immer steht. Dieser Konflikt ist nur zu verstehen als ein Konkurrenzkampf von rivalisierenden metaphysisch-spekulativen Weltanschauungen. Und diese rivalisierenden metaphysisch-spekulativen Weltanschauungen gründen in unterschiedlichen Gottesbegriffen, also in verschiedenen Nominatoren, die verschiedene Einzeldinge, verschiedene einzelne Entitäten bezeichnen. Sonst gäbe es ja die ganzen Konflikte so gar nicht. Und zwar Einzeldinge in der Vorstellungswelt, im Denkraum. Ob es Referenzobjekte in der Realität gibt, auf welche diese singulären Begriffe sich beziehen, das wissen wir nicht, können wir nicht wissen. Und dieser Verschiedenheit der singulären Begriffe „Zeus“, „Shiva“, „Jahwe“, „Gott“, was in christlichen Kulturräumen den Christengott bezeichnet, und „Allah“, dem gilt es sprachlich Rechnung zu tragen, wenn man sauber arbeiten möchte.

Richtig wäre aber, wenn man sprachlich etwas variieren möchte, „Allah“ in „der Gott des Mohammed“ zu übertragen oder in „der Gott der Araber“, „der Gott der Mohammedaner“ oder „der Gott der Muslime“ oder vielleicht noch genauer: „der Gott, an den die Mohammedaner / Muslime glauben“.

In der Hoffnung, dass ich Sie überzeugen konnte, vielen Dank für die Beherzigung dieser sehr wichtigen Unterscheidung, die meines Erachtens sprachlich immer deutlich gemacht werden sollte. Denn präzises Denken und präzises Sprechen hängen natürlich eng zusammen und sollten ja beide angestrebt werden, so man aufklären und nicht vernebeln möchte.

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