Parteiensterben von seiner schönsten Seite? Es wird nur ein rotes Antiquariat aufgelöst

Von Michael Klonovsky, Di. 04. Jun 2019

„Der Umgang mit der scheidenden SPD-Chefin sorgt im Berliner Politikbetrieb für Entsetzen“, schwallt Spiegel online. „Von Scham und Schande ist die Rede.“ Scham – genauer: Fremdscham – war mein spontanes Empfinden bei jedem öffentlichen Nahles-Auftritt, vor dem ich Auge und Ohr nicht rechtzeitig in Sicherheit zu bringen vermochte, und eine Schande ist ja das halbe SPD-Personal, von Kahrs bis Schulz und von Maas bis an den Dämel, einschließlich des peinlich parteiischen Phrasendreschflegels Steinmeier„Nicht der Mensch ist zu klein, das Amt ist zu groß“ (Montesquieu).

Parteiensterben von seiner schönsten Seite? Nein, es wird nur ein rotes Antiquariat aufgelöst

Ein jeder aus obiger Galerie liefert hinreichende Gründe dafür, das Lob der Fernbedienung in, sagen wir, Hexameter zu setzen, wobei ich ausdrücklich den großen Humoristen und unbezahlbaren Alleinunterhalter Ralf Stegner von der Schelte ausnehmen will.

„Dass Nahles von den eigenen Parteifreunden aus dem Amt gejagt wurde, sorgt bei vielen Beteiligten für Entsetzen“, fährt der Ausgewogenheits-Primus von der Hamburger Relotiusspitze fort. „Juso-Chef Kevin Kühnert schrieb auf Twitter, dass er sich schäme. ‚Alles beginnt mit einer einfachen Feststellung: Wer mit dem Versprechen nach Gerechtigkeit und Solidarität nun einen neuen Aufbruch wagen will, der darf nie, nie, nie wieder so miteinander umgehen, wie wir das in den letzten Wochen getan haben.'“

Den Kühnert hätte ich beinahe vergessen. Immerhin hat ihn bereits die Scham erfasst. Nun ist freilich ein Nahles-Abgang nicht nur per se kein Grund zur Klage, egal, ob die Garstige Opfer einer Intrige wurde – so läuft es nun mal, gerade in dieser Schmuddelbranche –, sondern es darf überdies vermutet werden, dass sie über eine Intrige stürzte, die sie selber eingefädelt hat, nämlich die vorgezogene Wahl zum Fraktionsvorsitz. – Parteiensterben von seiner schönsten Seite? Der Aufstieg der Grünen spricht dagegen. Es wird nur ein rotes Antiquariat aufgelöst.

Barley: Was Ernst ist, bestimmen wir!

Frau Barley hat sich ja rechtzeitig dorthin abgesetzt, wo nach Ansicht von Technokraten, Ideologen und anderer Waschbretthirne „Europa“ west. Ich leite zu ihr über, weil ich ein Anekdötchen erzählen möchte.

Ich nahm vor nunmehr zwei Sündenjährchen an einem (nichtöffentlichen) Symposium teil, das von einer großen Zeitung veranstaltet wurde und wohin man mich als Quotenpopulisten vorgeladen hatte. Dort saßen überwiegend Professoren, außerdem ein Bundesverfassungsrichter, ein paar Journalisten, und eben Frau BarleySie führte damals unter anderem aus, der Kampf gegen Frauen- und Homosexuellenfeindlichkeit gehöre „zur DNA der SPD“, woraufhin ich sie fragte: „Sind Sie etwa islamophob, Gnädigste?“ Mit allenfalls am leicht geblähten Näschen abzulesender Empörung replizierte Madame, die Frage könne ja wohl nicht ernst gemeint sein, denn was Ernst ist, bestimmen wir!

Ich wurde an diesen längst vergessenen Zwischenfall erinnert, weil ich in den vergangenen Wochen in Berlin einen Historiker und einen Journalisten traf, die weiland beide an der Runde teilgenommen hatten und sich spontan, mit nachträglichem Amüsement, an diese Worte erinnerten. Als sie fielen, hatte niemand in der Runde eine Miene verzogen, geschweige frech aufgelacht…

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Dieser Text erschienen zuerst auf dem Blog von Michael Klonovsky, Acta diurna. Er erscheint hier mit freundlicher Genehmigung des geschätzten Autors und Blogbetreibers.

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Zum Autor: Michael Klonovsky, 1962 im Erzgebirge geboren, ist Romanautor und Publizist. Aufgewachsen in Ostberlin. Maurerlehre. Abitur. Seit 1990 Journalist. “Wächterpreis der Tagespresse” für die „Aufdeckung von Menschenrechtsverletzungen durch die DDR-Justiz und den Staatssicherheitsdienst“. 1992: Wechsel zum Focus, zunächst als Redakteur, später als Chef vom Dienst bzw. Textchef, Leiter des Debattenressorts, sodann als Autor. Am 31. Mai 2016 endete die Ehe mit Focus, die Partner hatten sich auseinandergelebt. Von Juni 2016 bis Anfang 2017 war er parteiloser Berater von Frauke Petry, von Juni bis November 2017 Sprecher der von Jörg Meuthen geführten Landtagsfraktion der AfD Baden-Württemberg. Michael Klonovsky ist Autor mehrerer Bücher.

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Titelbild: FAZ-Screenshot von Andrea Nahles und Katarina Barley

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