So würden die Deutschen derzeit wählen und so groß ist das Potential der Parteien

Von Jürgen Fritz, Mi. 12. Jun 2019

Inzwischen liegen fünf sehr aktuelle Umfragen von fünf verschiedenen Instituten vor. Wahl-O-Matrix, das deutschlandweit führende Meta-Analyse-Tool, wertete dies aus und kommt zu folgenden Ergebnissen: CDU/CSU liegen inzwischen nur noch auf Platz 2, die SPD sogar nur noch auf Platz 4, näher bei 10 als bei 15 Prozent. Die Zustimmung für die Grünen wird dagegen immer größer. Aber auch die AfD kann wieder leicht zulegen. Besonders interessant auch, wie groß das jeweilige Potential der einzelnen Parteien ist, wie viele Menschen sich also jeweils grundsätzlich vorstellen könnten, die entsprechende Partei zu wählen.

A. Zwei beispiellose Abstürze und ein beispielloser Aufstieg

Wie die Dinge sich in den letzten Jahren doch verändert haben. Vor vier Jahren lag die Union noch über 40, teilweise bis zu 43 Prozent, Die Grünen dagegen zwischen 9 und 10 Prozent, bekamen also nicht einmal der Viertel der Zustimmung von CDU/CSU. Inzwischen aber sind sie stärker als diese beide zusammen. In den letzten beiden Jahren stiegen die Grünen von ca. 7 auf nun etwa 26,5 Prozent. Die Union dagegen fiel auf gut 25 Prozent zurück. Nur noch jeder Vierte will CDU oder CSU wählen.

Noch extremer der Absturz der SPD, der nicht einmal mehr jeder achte Wähler seine Stimme geben will. Sie ist nun wieder hinter die AfD zurückgefallen und liegt nur noch auf Platz 4. Gleichwohl träumen einige der Genossen, die sich immer mehr von der Realität abkoppeln, wie es scheint, davon, den nächsten Kanzler zu stellen. Nun denn.

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Betrachten wir zunächst, wie die Deutschen derzeit wählen würden. Dies ist vor allem deshalb besonders interessant, weil sich im Laufe der nächsten Monate die Situation ergeben kann, dass Schwarz-Rot die Regierungskoalition beenden und sich dann die Frage stellen wird, ob man vorgezogene Neuwahlen durchführen wird. Die folgenden Zahlen zeigen sofort, dass das Interesse daran bei den meisten Parteien, ganz besonders bei CDU/CSU und der SPD, äußerst gering sein wird und sie wohl gewillt sein werden, Neuwahlen wenn irgend möglich zu vermeiden.

B. So würden die Deutschen sich derzeit im Falle von vorgezogenen Neuwahlen entscheiden

Legen wir alle Umfragen, die nach der EU-Wahl durchgeführt wurden, zu Grunde, die bisher von verschiedenen Instituten – a) Emnid vom 29.05. bis 05.06.19, b) Forschungsgruppe Wahlen vom 03.06. bis 05.06.19, c) Infratest dimap vom 03.06. bis 05.06.19, d) Forsa vom 03.06. bis 07.06.19 und e) INSA vom 07.06. bis 10.06.19 – durchgeführt wurden, so kommen wir auf folgende Wahl-O-Matrix-Mittelwerte (in Klammern die Veränderungen zur Bundestagswahl 2017):

  1. GRÜNE: 26,5 % (+ 17,6)
  2. CDU/CSU: 25,4 % (– 7,5)
  3. AfD: 12,7 % (+ 0,1)
  4. SPD: 12,4 % (– 8,1)
  5. FDP: 8,0 % (– 2,7)
  6. LINKE: 7,3 % (– 1,9)
  7. Sonstige: 7,7 % (+ 2,7)

2019-06-12

C. Mögliche Regierungskoalitionen

Bei solch einem Ergebnis wären folgende Koalitionen möglich oder nicht möglich, wobei wegen der ca. 7,7 Prozent für sonstige Parteien etwa 46 bis 46,5 Prozent der abgegebenen gültigen Stimmen für eine Mehrheit der Sitze im Bundestag reichen dürften:

  • Grün-Schwarz: ca. 52 Prozent
  • Grün-Rot-Dunkelrot: ca. 46 Prozent
  • Schwarz-Rot-Gelb: knapp 46 Prozent

Ohne Die Grünen hätte höchstens eine schwarz-rote-gelbe Koalition eine Möglichkeit auf eine Mehrheit, wobei es selbst für diese derzeit kaum reichen würde. Ganz davon abgesehen, dass weder die SPD noch die FPD irgendein Interesse an solch einer Koalition haben dürften, die beide wohl noch viel weiter nach unten stürzen ließe.

Wenn es also zu keiner Minderheitenregierung kommen soll, dann wird, wenn die Grünen in diesen Dimensionen bleiben, keine Regierung ohne sie möglich sein. Und sie werden mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit sogar das Vorrecht haben, den Kanzler zu stellen, denn Die Grünen finden sich weiter im Aufwärtstrend, die Union aber im Abwärtstrend.

D. Potentiale der Parteien

Interessant ist nun, wenn man sich die Potentiale der einzelnen Parteien anschaut. INSA führt nicht nur regelmäßig die Sonntagsfrage durch „Wenn am kommenden Sonntag Bundestagswahlen wären, wie würden Sie wählen?“. Dann kommen in etwa die Ergebnisse heraus, die Sie oben sehen. INSA fragt regelmäßig darüber hinaus auch: „Welche der folgenden (anderen) Parteien können Sie sich grundsätzlich auch vorstellen zu wählen?“. So ergibt sich für jede Partei ihr aktuelles Potential, wie viele Stimmen sie also maximal erhalten könnte, wenn alle Faktoren optimal für sie verliefen.

  1. GRÜNE: 26,5 % + 20 % = 46,5 %
  2. CDU/CSU: 24 % + 14 % = 38 %
  3. SPD: 13 % + 17 % = 30 %
  4. FDP: 9 % + 15 % = 24 %
  5. LINKE: 7,5 % + 14 % = 21,5 %
  6. AfD: 13,5 % + 4 % = 17,5 %

Die fett markierten Zahlen geben also quasi die derzeitige maximale Obergrenze an, die jede Partei erreichen könnte, wenn alle, die sich grundsätzlich vorstellen können, diese Partei zu wählen, es tatsächlich täten.

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E. Völlige Ablehnung der einzelnen Parteien

Und dann fragt INSA noch als drittes: „Und welche der folgenden Parteien können Sie sich grundsätzlich gar nicht vorstellen zu wählen?“. Diese Zahlen drücken also aus, wie viele von hundert Wählern für die einzelnen Parteien absolut nicht erreichbar sind. Hier sehen die Ergebnisse wie folgt aus.

  1. GRÜNE: 24 %
  2. FDP: 26 %
  3. SPD: 26 %
  4. CDU/CSU: 29 %
  5. LINKE: 33 %
  6. AfD: 70 %

Auch hier zeigt sich wie oben bei der zweiten Frage, dass das Potential der Grünen derzeit gewaltig ist, das der AfD dagegen doch sehr begrenzt. Für 70 Prozent käme die AfD niemals in Frage, Die Grünen dagegen nur für 24 Prozent absolut nicht. Und das Potential der AfD geht derzeit nicht über 17,5 Prozent hinaus, das der Grünen aber liegt inzwischen bei sage und schreibe 46,5 Prozent.

F. Der harte Kern der jeweiligen Partei

Interessant aber auch wie groß der harte Kern der jeweiligen Parteien ist, wie viele also ganz sicher sind, ihre Partei zu wählen:

  1. GRÜNE: 18 %
  2. CDU/CSU: 18 %
  3. AfD: 10 %
  4. SPD: 9 %
  5. FDP: 6 %
  6. LINKE: 5 %

Während besonders die Linke hier also fürchten muss, dass sie im Laufe der Zeit sogar unter die Fünf-Prozent-Hürde fallen könnte, liegt hier die AfD mit 10 Prozent sogar auf Platz 3. Es ist also nicht zu erwarten, dass die AfD in absehbarer Zeit in den einstelligen Bereich fallen könnte. Auf Platz 1 liegen aber auch hier Die Grünen zusammen mit CDU/CSU mit jeweils 18 Prozent.

Dies alles zeigt wohl, wie richtig ich mit meiner Einschätzung vom 2. Mai lag: Die Grünen: völlig unterschätzt.

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Titelbild: YouTube-Screenshot aus Kontraste

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