Wie grüne Ideologen und Populisten eine sachgemäße Diskussion der Klima- und Energiepolitik verhindern

Von Axel Stöcker, Mi. 19. Jun 2019

Seit der EU-Wahl eilen die Grünen in den Umfragen von Rekord zu Rekord. Bei vier von fünf Instituten liegen sie schon auf Platz eins, bei dreien alleinig, bei einem zusammen mit der Union, beim fünften nur einen Punkt hinter dieser. Schon wird über einen Kanzlerkanditen Habeck spekuliert – der fleischgewordene Alptraum all jener, die glaubten, es könne nach Merkels Abgang nicht schlimmer kommen. Mal sehen, wie lange dieser Hype anhält. Ernst nehmen sollte man ihn auf jeden Fall. Dabei ist die Position der grünen Ökopopulisten voller innerer Widersprüche und von der Insel der Vernunft noch weiter entfernt als die Position all der anderen Parteien, wie Axel Stöcker dezidiert aufzeigt.

Damals Fukushima, heute der „Klimawandel“

Man erinnere sich nur an die Katastrophe von Fukushima (2011): Ein Tsunami und ein fast gleichzeitig auftretendes Erdbeben forderten fast 16 000 Todesopfer. Den deutschen Michel schien jedoch der Nuklearunfall im gleichnamigen Atomkraftwerk, der letztlich durch Schlampereien bei den Sicherheitsvorkehrungen (unter anderem hatte man die Notstromdiesel in einem tsunamigefährdeten Gebiet ins Erdgeschoss gestellt) verursacht worden war, weit mehr zu beeindrucken. Und das obwohl dieser damals kein einziges Todesopfer forderte. Tatsachen, die die Grünen gerne verschleiern.

Die Ökopartei schlachtete denn auch den nuklearen Teil des Unglücks für die zwei Wochen später stattfindende Landtagswahl in Baden-Württemberg gekonnt aus, verdoppelten ihren Stimmenanteil und stellt seither im – ehemaligen – Stammland der Union den Ministerpräsidenten.

Was damals Fukushima war, das könnte heute der Klimawandel sein. Was in Baden-Württemberg Kretschmann ist, könnte auf Bundesebene im Falle eines „politischen GAUs“ Habeck werden. Denn als gesichert darf gelten, dass das Agenda-Setting von Greta Thunberg, der blondbezopften kindlichen Kaiserin der Klimabewegung, und den hinter ihr stehenden NGOs wesentlich dazu beigetragen hat, die deutschen Grünen bei der EU-Wahl auf Platz zwei und in den Umfragen in den siebten Himmel zu hieven. Die Kompetenzzuschreibung für dieses Thema trägt die Öko-Partei ja quasi im Namen. Und die professionell inszenierte Fridays-for-Future-Kampagne, willfährige, gründominierten Medien und die sehr deutsche Lust an der Weltrettung tun ein Übriges.

Grüne Widersprüche

Bei so viel Rückenwind stört es auch nicht, dass die ökologischen Beweggründe der Partei fragwürdig sind. Sie setzt stur auf Elektromobilität und dort fast ausschließlich auf batteriebetriebene Fahrzeuge. Zwar finden sich gelegentlich auch ein paar warme Worte zu anderen Antriebsarten, doch die Ausrichtung ist eindeutig. Dass durch den dafür nötigen Lithiumabbau in Südamerika ganze Landstriche verwüstet und indigene Völker ihrer traditionellen Lebensgrundlagen beraubt werden, wie man unlängst selbst einer Dokumentation in der ARD entnehmen konnte, scheint die selbsternannte Ökopartei weniger zu beunruhigen. In den FAQs zum Thema Elektromobilität auf der Internetseite der Partei kommt das Thema jedenfalls gar nicht vor.  Und das, obwohl selbst der den Grünen nahestehende, bekannte Physiker Harald Lesch sagt: „Angesichts der Schäden, die an der Natur angerichtet werden (…) ist es vermessen zu glauben, dass wir mit batteriebetriebener Mobilität das Klima retten könnten.“

Auch sonst steckt die grüne Klima- und Energiepolitik voller Widersprüche: Man ist gegen Diesel und Atomkraft, obwohl die CO2-schonend sind. Man ist für den hemmungslosen Ausbau der Windkraft, obwohl der das Insekten- und Vogelsterben verstärkt. Man will raus aus der Kohle und auf Sonnen- und Windenergie umstellen, obwohl die nicht grundlastfähig sind. Man will ein „weiter so“ in der „Energiewende“, obwohl  deren Kosten schon jetzt kaum noch zu kontrollieren sind. So lange es zu Lasten des deutschen Steuerzahlers und gegen die Interessen der einheimischen Automobilindustrie geht, scheint alles recht zu sein.

Die anderen Parteien hecheln den Ökopopulisten ungeachtet dieser Widersprüche hinterher. Die Beiträge der ehemaligen Volksparteien CDU, CSU und SPD beschränken sich im Wesentlichen darauf, die Forderungen der Grünen ein wenig zu modellieren: Kohleausstieg vielleicht doch ein bisschen später, EEG-Umlage vielleicht doch ein bisschen geringer, Subventionen für Batterie-Autos vielleicht doch etwas niedriger, anderen Antriebsformen vielleicht doch ein bisschen mehr Zeit geben, Windräder vielleicht doch nicht ganz so viele, etc. pp. Das ist normalerweise nicht die Haltung einer Regierungspartei, sondern die des Juniorpartners in einer Koalition. Wer sich so verhält, muss sich deshalb nicht wundern, dass er vielleicht bald als solcher endet. Die aktuellen Umfragen und Baden-Württemberg lassen grüßen.

Klima und AfD – ein schwieriges Verhältnis

Zur Frage, wie man die Grünen inhaltlich herausfordern könnte, gleich mehr. Zunächst aber zur AfD, die, wie so oft, auch in der Klimadebatte als einzige Partei eine andere Position vertritt. Doch kann sie damit, im Gegensatz zu anderen Politikfeldern, nicht punkten – eher im Gegenteil. Das liegt zum Teil an der feindlichen medialen Matrix, in die die Partei generell eingebettet ist. Aber nicht nur. Es gibt auch hausgemachte Probleme und Widersprüche.

Als einzige Partei bezweifelt die AfD „aus guten Gründen, dass der Mensch den jüngsten Klimawandel, insbesondere die gegenwärtige Erwärmung, maßgeblich beeinflusst“ habe. Klimaschutzpolitik sei daher ein „Irrweg“ – so das Europawahlprogramm der Partei. Gerne kommen ihre Vertreter auch mit dem Argument, es gebe letztlich keinen Beweis für den menschlichen Einfluss auf das Klima.

Rein wissenschaftstheoretisch betrachtet ist dieses Argument zwar korrekt, denn wir wissen seit Karl Popper, dass es den strengen Beweis in der Naturwissenschaft gar nicht gibt, sondern dass man sich, vereinfacht ausgedrückt, letztlich immer auf Indizien berufen muss – gerade bei der Untersuchung so komplexer Systeme wie dem Klima. Doch politisch ist das Argument wenig überzeugend, ja geradezu ein Rohrkrepierer. Aus meiner Sicht müsste die AfD mindestens drei Dinge ändern, um bei diesem Thema eine glaubhafte Alternative bieten zu können.

1. Diskussionsebenen trennen

Wissenschaftler klären Sachfragen, Politiker kümmern sich um die Umsetzung geeigneter Maßnahmen. So sollte es zumindest sein. In der Realität gibt es leider zahlreiche wechselseitige Beeinflussungen, von denen die des „wessen Brot du isst, dessen Lied du singst“ nur die bekannteste ist. Trotzdem sollten Politiker, wenn sie unbedingt meinen, Einfluss auf die Wissenschaft nehmen zu müssen, eine Regel beachten: Sie sollten das Argumentieren anderen Wissenschaftlern überlassen und es nicht selbst tun. Tun sie es doch, kann das für Politiker eigentlich nur peinlich enden, wie man am „AfD-Klimaquiz“ gesehen hat, das von Harald Lesch und Stefan Rahmstorf (überwiegend sachlich) auseinandergenommen wurde. Da helfen auch die Verteidigungsversuche diverser Youtuber (hier und hier) wenig.

Andererseits verweigert die Partei die Diskussion mit Schülern der Friday-for-Future-Demonstrationen, wie jüngst in Hessen. Ein fataler Fehler. Besonders für eine Partei, die oft zur recht bemängelt, aus Diskussionen ausgeschlossen zu werden. Vielleicht auch ein Hinweis darauf, dass man sich der eigenen Position nicht sicher ist? Jedenfalls sollten Politiker sich mit Wissenschaftskritik zurückhalten und mit Bürgern offen diskutieren – und nicht umgekehrt.

2. Indizienlage anerkennen

Verlangt man einen Beweis für den menschlichen Einfluss auf das Klima, so stellt sich die Frage, wie dieser aussehen sollte. Nun, das was einem Beweis am nächsten käme, wäre ein Großversuch mit der Erde, indem man möglichst viel CO2 in die Atmosphäre bläst und dann schaut, was passiert. Dieser Versuch läuft zur Zeit. Die Frage ist, ob man ihn zu Ende führen sollte.

Es gibt, wie gesagt, nur Indizien in die eine oder andere Richtung. Und hier sollte man ehrlich sein: Kein Laie überblickt die Experimente, Messungen und Modelle so gut, dass er sich aus eigener Kraft ein Bild machen könnte. Daher Vorsicht vor Leuten, die sich nach ein paar Stunden googeln als Klimaexperten aufspielen.

Auf der anderen Seite gab es natürlich Climategate, es gab die Manipulation der Hockeyschlägerkurve und es gibt die Lobbys, Klimagewinnler und NGOs, die ein Interesse an Hysterie haben, um dem Absatz ihrer Technologien anzukurbeln oder Spenden einzutreiben. Gewinnler und Trittbrettfahrer gibt es allerdings immer, das ist kein Privileg der Klimalobby. Einzig die moralische Attitüde, mit der der rollende Rubel in diesem Fall verbrämt wird, macht hier einen unappetitlichen Unterschied.

Man mag daher Teilen der Klimabewegung Heuchelei und Opportunismus vorwerfen. Nur: Auch das ist kein Beweis dafür, dass diese Leute mit ihrer Klimatheorie falsch lägen. Betrachtet man ganz nüchtern die Anzahl der wissenschaftlichen Meinungen, so muss man bei aller gesunden Skepsis einräumen: Die Wahrscheinlichkeit, dass der menschliche Einfluss auf Klima relevant und der CO2-Eintrag in die Atmosphäre schädlich ist, ist größer als die Wahrscheinlichkeit, dass dem nicht so ist.  

Das ist Lage, von der ein rational denkender Politiker meines Erachtens ausgehen muss. Und eine rationale politische Antwort darauf kann eigentlich nur aus einem „sowohl als auch“ bestehen.

Einerseits braucht es für den Fall, dass es tatsächlich in unserer Hand liegt, durchdachte, volkwirtschaftlich vernünftige Maßnahmen, die geeignet sind, den Klimawandel zu verlangsamen. Deutschland kann jedoch nach offiziellen Berechnungen den Temperaturanstieg selbst durch extreme nationale Maßnahmen um maximal 0,05°C bremsen.

Ein sinnvoller Beitrag Deutschlands kann deshalb nur darin bestehen, zu demonstrieren wie Klimaschutz, wirtschaftliche Stärke und ein funktionierender Sozialstaat unter einen Hut gebracht werden können. Denn nur durch ein positives Beispiel könnte man hoffen, andere Ländern für den allein seligmachenden deutschen Weg der Tugend zu begeistern. Insofern hat die amtierende Regierung mit der drohenden Schädigung der Automobilindustrie, einer verkorksten Energiewende und den höchsten Strompreisen Europas auch dem Klimaschutz einen Bärendienst erwiesen.

Andererseits muss verantwortungsvolle Politik sich auch auf einem eintretenden Klimawandel vorbereiten, falls dieser, aus welchen Gründen auch immer, nicht zu verhindern ist. Aber zurück zur AfD: Ein Bedrohungsszenario zu ignorieren, nur weil dafür kein hundertprozentiger Beweis vorliegt, entspricht nicht dem gesunden Menschenverstand, dessen Partei zu sein die AfD für sich in Anspruch nimmt.

3. Programmatische Konsistenz herstellen

Wie der Parteisprecher Jörg Meuthen immer wieder betont, ist der Konservatismus neben der Freiheitlichkeit und dem Patriotismus eine der drei Wurzeln der AfD. Konservativ kommt bekanntlich vom lateinischen conservare, was so viel wie erhalten oder bewahren bedeutet. Der Konservative hat deshalb eine gesunde Skepsis gegenüber einem Herumexperimentieren an Bewährtem, sei es auf gesellschaftlichem, wirtschaftlichem oder ökologischem Gebiet. Daher misstraut er auch den Heilsversprechen von Ideologien, die sich in der Geschichte bisher ja auch immer als ungedeckte Schecks erwiesen haben. Bei der AfD zeigt sich dies zum Beispiel in ihrer Betonung bewährter staatlicher bzw. staatstragender Strukturen wie der Justiz, der Ehe oder der staatlichen Grenzen. Und ebenso in ihrer Skepsis gegenüber Dekonstruktionstheorien wie der Genderideologie oder der Multikulturalisierung durch Masseneinwanderung.

Und genau hier steckt ein Widerspruch zu ihrer Position in der Klimapolitik, denn auch die Emission von Treibhausgasen in die Atmosphäre ist ein Experiment mit ungewissem Ausgang. Denn hier wird an der bewährten – und daher zu bewahrenden – Zusammensetzung der Atmosphäre herumexperimentiert, wodurch ebenfalls ein ungewisses Versprechen in die Welt gesetzt wird, dass nämlich schon alles gut gehen werde. Das „Bewahren der Atmosphäre“, nicht als Ideologie, sondern als pragmatisch anzustrebendes Ziel, ist somit konservativ und sollte daher selbstverständliches Ziel der AfD sein. Man kann nicht auf der einen Seite einen fahrlässigen Umgang mit der Zusammensetzung der eigenen Bevölkerung kritisieren und auf der anderen Seite einen ebensolchen Umgang mit der Zusammensetzung der Atmosphäre per se für unproblematisch erklären.

Das gilt umso mehr, als es Argumente gegen das Verfeuern fossiler Energieträger gibt, die mit dem Klimawandel gar nichts zu tun haben. Angenommen, die menschlichen CO2-Emissionen hätten tatsächlich keinerlei Einfluss auf das Klima. Selbst dann wären die endlichen fossilen Energieträger zum Verfeuern viel zu Schade, weil sie dafür schlicht zu wertvoll sind. Man sollte sie für Synthesen der chemischen Industrie reservieren. Darauf haben gerade konservative Ökologen wie Herbert Gruhl (Ein Planet wird geplündert) und Rolf Peter Sieferle („Der unterirdische Wald“) hingewiesen. Das Bewahren der Umwelt ist ein genuin konservatives Thema.

Bei so vielen Ungereimtheiten ist es kein Wunder, dass selbst der wortgewandte Jörg Meuthen wenig überzeugend wirkt, wenn er auf die Position seiner Partei zum Klimawandel angesprochen wird.

Konklusion

Zusammenfassend kann man sagen: Es scheint, dass zur Zeit keine Partei in der Lage oder Willens ist, in der Klima- und Energiepolitik Alternativen offensiv in die Diskussion einzubringen. Die Grünen wollen nicht. Die Union kann nicht, denn sie hat ihre Macht im vorpolitischen Raum in den Merkeljahren verspielt und ist beim Thema Klima und Energie (und nicht nur dort) zu einer Satellitenpartei der Grünen verkommen. Ähnliches gilt für die SPD.

Und die AfD kann ebenfalls nicht. Zwar schlägt sie gelegentlich pragmatische Alternativen vor (z. B. E-Fuel, siehe unten), doch werden diese von vielen Medien schlicht deshalb nicht rezipiert, weil sie von der AfD kommen. Dazu kommt, dass sich die Partei immer wieder in die skizzierten ideologischen Grabenkämpfe hineinziehen lässt und die genannten inneren Widersprüche noch nicht aufgearbeitet hat.

Die politische „Insel der Vernunft“ in der Klimapolitik bleibt daher bis auf weiteres verwaist, wie die folgende Abbildung zeigt.

Positionen

Was aber wären Alternativen zum grünen Batterie- und Ökostom-Fetischismus, die man offensiv in die Diskussion einbringen könnte – ganz unabhängig von der Frage, wie groß der menschliche Anteil am Klimawandel denn nun ist?

E-Fuel – das bessere Antriebskonzept?

Die Nachteile des Batterieautos wurden bereits angesprochen. Harald Lesch hat deshalb gerade erst einen Vorstoß zugunsten der Brennstoffzelle gemacht und damit einige Kritik von grüner Seite einstecken müssen. Der Batterieantrieb scheint in diesen Kreisen sakrosankt zu sein – vermutlich, weil allein entscheidend ist, dass hinten nichts rauskommt (um es mit der Variation eines bekannten Bonmots von Helmut Kohl zu sagen).

Daher ist eine andere Technologie dort noch verpönter, obwohl sie CO2-neutral ist: Elektro-Fuels, kurz E-Fuels genannt. Sie werden aus Wasserstoff und – man höre und staune – CO2 hergestellt und können wie normales Benzin getankt werden. Beim Fahren kommt aus dem Auspuff, wie bei jedem Verbrenner, CO2 heraus, aber eben nur so viel, wie bei der Herstellung des E-Fuels der Atmosphäre (oder der Biomasse, was auf dasselbe hinausläuft) entnommen wurde. Das Ganze ist damit klimaneutral, sofern der verwendete Wasserstoff emissionsfrei, also z. B. aus regenerativen Stromquellen (daher der Name E-Fuel), hergestellt wurde.

Wie fast jede Technologie, hat auch diese einen Nachteil: Der Wirkungsgrad ist, auf den ganzen Prozess gesehen, vergleichsweise gering. Man braucht für den gefahrenen Kilometer also letztlich mehr Energie. Da die Energie aber CO2-neutral hergestellt wurde, ist dies kein wirklich schlagendes Argument. Vielmehr könnte in Zeiten, in denen man an sonnigen oder windigen Tagen gar nicht weiß, wohin mit dem Ökostrom, E-Fuel eine Möglichkeit sein, diese Leistungsspitzen zu speichern und damit nutzbar zu machen, statt sie gegen Bezahlung in den Netzen unserer Nachbarländer verpuffen zu lassen.

Die Vorteile von E-Fuel liegen dagegen auf der Hand: Die gesamte Tankinfrastruktur könnte, so wie sie ist, weiterverwendet werden. Ebenso könnten die technisch ausgereiften Verbrennungsmotoren weiter genutzt werden. Das hat E-Fuel sowohl dem Batterieauto, als auch der Brennstoffzelle voraus. Ein weiterer Vorteil wäre, dass man E-Fuel direkt in Europa herstellen könnte. Es gäbe weder lange Transportwege, die ja immer auch die Gefahr einer Ölpest in sich tragen, noch müsste man in Südamerika ganze Landstriche durch Lithiumabbau verwüsten, um das Lithium dann um den halben Globus verschiffen.

Warum in dieser Situation das Batterieauto klar favorisiert wird, ist daher nicht einzusehen. In der Presse fristet E-Fuel dennoch ein Nischendasein (von Ausnahmen abgesehen). Das könnte daran liegen, dass die AfD einen Vorstoß in diese Richtung unternommen hat. Für viele Journalisten ist dies ja bereits ein hinreichendes Argument, einen solchen Vorschlag abzulehnen.

„Neue Kernenergie“ als CO2-neutrale Grundlastsicherung

Die zweite Alternative ist emotional noch stärker vorbelastet, als E-Fuels und die bösen Verbrennungsmotoren. Es handelt sich um Atomkraft oder, wie man vielleicht sagen könnte, um neue Kernenergie.

Bekanntlich haben sich Atomkraftgegner immer moralisch im Recht gefühlt und tun es bis heute. Dagegen gab es kaum „Hurra-Atombefürworter“, sondern die Atomkraft wurde meist eher als das kleinere Übel angesehen (außer von der Atomlobby natürlich). Das war bisher auch berechtigt, denn zwei Argumente gegen die Atomkraft ließen sich nicht leugnen: Die ungeklärte Entsorgungsfrage und das Restrisiko eines GAUs, also eines größten anzunehmenden Unfalls in einem Reaktor.

Doch es sieht so aus, als ob beide Argumente seit 2012 nicht mehr gelten. In diesem Jahr wurde ausgerechnet im Stammland der AKW-Phobie, am Institut für Festkörper-Kernphysik in Berlin, ein neuer Reaktortyp entwickelt, dessen Konzept validiert und als Patent angemeldet ist. Dual Fluid Reaktor heißt das Ding. Clou Nummer 1 dabei: Im Gegensatz zu herkömmlichen Reaktoren ist kein funktionierender Kühlkreislauf notwendig, um einen GAU zu verhindern. Der Reaktor ist nämlich so konstruiert, dass er sich bei Überhitzung aufgrund physikalischer Gesetzmäßigkeiten von selbst abschaltet. Damit ist ein Unfall wie in Fukushima oder Tschernobyl unmöglich.

Clou Nummer 2: Der Reaktor produziert zwar auch Atommüll, aber der muss maximal 300 Jahre gelagert werden. Der größte Teil ist sogar schon nach 100 Jahren abgeklungen. Ein Zeitraum also, der technisch beherrschbar ist.

Es kommt aber noch besser. Clou Nummer 3: Bereits vorhandener Atommüll kann in den Brennkreislauf des Reaktors eingespeist werden, wodurch sich das bereits vorhandene Endlagerungsproblem abmildern würde.

Und schließlich Clou Nummer 4: Der Reaktor arbeitet bei so hohen Temperaturen, dass man in ihm Wasserstoff direkt aus Wasser gewinnen kann. Den könnte man auch zur Herstellung von E-Fuel verwenden, wenn man gerade keinen überschüssigen Öko-Strom zur Verfügung hat. (Zu den Details des Reaktors siehe hier und hier.)

Lauter Populisten: grüne Ideologen und Opportunisten, die sich nicht trauen, sachlich-fundiert dagegen zu halten

Bill Gates fördert diesen Reaktortyp. Viele Länder sind vernünftigerweise interessiert. Nur in Deutschland hört man wenig darüber, denn wir wissen es natürlich mal wieder besser als alle anderen. Auch Polen will den Reaktor bauen. Für einen Prototyp veranschlagt man dort knapp 90 Millionen Euro. Selbst wenn sich dieser Betrag verdoppelt, wovon man natürlich realistischerweise ausgehen sollte, wäre das nur so viel, wie uns die Aufrechterhaltung des Baubetriebs am Berliner Flughafen in anderthalb Jahren kostet. Darüber redet ja auch kaum jemand. Also Peanuts.

Man könnte frei nach Miloš Zeman sagen: Eine Industrienation, die ihren CO2-Ausstoß reduzieren will und sich den Einstieg in diese Technologie nicht wenigstens offenhält, wird von Idioten regiert. Wobei es sich wohl nicht wirklich um Idioten handelt. Es handelt sich auf der einen Seite um grüne Ideologen und auf der anderen Seite um Feiglinge und Opportunisten, die nicht den Mumm haben, sich für eine gute Überzeugung gegen die öffentliche Meinung zu stellen. Das Ergebnis ist allerdings dasselbe, als wenn Idioten regieren würden. Das haben wir mit dieser Regierung ja auch auf anderen Politikfeldern schon erleben dürfen. Man könnte es Populismus nennen.

Vielleicht könnte es ein Ansporn für unsere Politiker sein, dass sogar Greta einmal geäußert hat, man müsse sich die Option der Kernkraft offenhalten. Natürlich musste sie widerrufen. Man wollte schließlich nicht mitten in der Party die Einheit der Bewegung auf’s Spiel setzen. Da müssen Sachfragen schon mal zurückstehen. By the way: Gretas Heimatland Schweden hält die Klimaziele ein – auch dank 40 Prozent Atomstrom.

Man darf also gespannt, wer als erster den grünen Diskussionsmuff vertreibt und die „Insel der Vernunft“ mit offensiv vertretenen Argumenten besetzt. Eine sachorientierte Diskussion wäre dem Land zu wünschen – übrigens nicht nur in der Klimafrage.

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Zum Autor: Axel Stöcker, Jg. 1967, hat Mathematik und Chemie studiert und ist Gymnasiallehrer. Auf seinem Blog, die-grossen-fragen.com, arbeitet er sich an den großen Fragen zwischen Naturwissenschaft und Philosophie ab. Doch auch politische Verwerfungen stacheln ihn gelegentlich zu Kommentaren an.

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Titelbild: Pixabay, CC0 Public Domain

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