Rüdiger Safranski über gut und böse

Von Jürgen Fritz, Fr. 04. Okt 2019, Titelbild: YouTube-Screenshot

Der Literaturwissenschaftler, Schriftsteller und Philosoph Rüdiger Safranski gilt als einer der großen Intellektuellen im Lande. Bekannt wurde er vor allem durch seine Monografien zu Friedrich Schiller, E.T.A. Hoffmann, Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche, Johann Wolfgang von Goethe und Martin Heidegger. Noch bekannter dann, als er von 2002 bis 2012 zusammen mit Peter Sloterdijk im ZDF Das Philosophische Quartett moderierte. Hans-Martin Esser sprach für The European mit dem Bestsellerautor, auch über das Thema gut und böse.

Gut und böse werden völlig plakativ bestimmten Gruppen zugeordnet, ja geradezu aufgeklebt

Die Unterscheidung gut und böse gehöre zur Grundausstattung der Trennungen, macht Safranski zunächst deutlich. Man benötige also keinen entfalteten Begriff vom Bösen, um diese Trennung vollziehen zu können. Das sei geradezu Alltagssprache. Präzisierend könnte man hier erläutern: „gut“ und „böse“ sind moralische Grundbegriffe, die nicht auf noch grundlegendere Begriffe zurückgeführt werden können. Wer es versucht und moralischen Grundbegriffe, wie gut und böse oder tugendhaft und verwerflich etc., auf natürliche, auf empirische Begriffe zurückführen möchte, begeht, wie schon George Edward Moore 1903 aufzeigte, einen naturalistischen Fehlschluss. „Gut“ ist quasi der Grundbegriff überhaupt bei all unseren Bewertungen, insbesondere moralischen Urteilen.

Diese Einteilung sei einfach da, so Safranski weiter, und sie sei im politischen Raum mächtig. Wenn man aber über das Böse nachdenke, gerate man in eine andere Dimension. „Dazu komme ich gleich. Zunächst aber zur politisch gut einteilbaren Kategorie. Da sollte man im Hinterkopf behalten, dass wir zur Zeit der Ost-West-Spaltung eine ganz übersichtliche Einteilung hatten.“ Das Böse sei damals Stalinismus, Kommunismus, vorher Nationalsozialismus gewesen. Durch die Ost-West-Spaltung habe man früher ein einfaches Bild von „gut“ und „böse“ gehabt. „Es war eine übersichtliche Weltlage.“ Doch dann brach ja der Ostblock zusammen. „Was geschieht nun mit den Energien, die Welt in gut und böse aufzuteilen“, fragt der Philosoph? „Die docken jetzt an anderen Themen an, weil man die Übersichtlichkeit benötigt.“

In aktuellerer Zeit seien die Bösen die sogenannten Klimaleugner, die einfach nur skeptisch seien. Diese Einteilung in gut und böse werde ja gern vollzogen, um den Mehrwert des Gutseins einzustreichen. „Dann gibt es die Willkommenskultur. Wer skeptisch ist, ist der Böse.“ Einfach die Grenze zu öffnen, sei ja aber an sich keine moralische Tat. Wenn man möglicherweise das eigene Gemeinwesen damit ruiniere, sei das nicht unbedingt ein moralischer Gewinn, bemerkt er ganz richtig. Dies sei ja doch alles immer ganz schön fragwürdig. Siehe dazu auch meinen Artikel Gibt es eine moralische Verpflichtung, eine Hochkultur zu erhalten?

Die Sucht nach dramatischer Reduktion (Unterbietung) der Komplextität

Gut und böse sei auch so ein Thema bei der EU-Debatte. Als gut gelte, wer den Brüssel-Kurs unterstützt, als böse der andere. Gut sei, wer den Bundesstaat Europa anstrebe, böse, wer dies nicht tue. Das sei doch auffällig. Die Energien der Feinderklärung aus dem Ost-West-Gegensatz, hätten sich also auf andere Themen übertragen. In einer insgesamt unübersichtlichen Situation mache man sein Geschäft mit der Gut-Böse-Einteilung in diesem Sinne, wie er es gerade kurz skizziert habe. Und das sei durchaus ein Problem. Weshalb? Und nun gibt er wiederum einen entscheidenden Hinweis.

Es handelte sich – wie Niklas Luhmann es genannt hätte – um eine dramatische Reduktion der Komplexität. In der Tat fällt es schlichteren Geistern nicht selten sehr schwer, in abstrakten Begriffen zu denken. Man sehnt sich immer nach etwas ganz Konkretem, auf das man mit dem Finger zeigen kann, nach dem Motto: „Das sind die Bösen“. Das ist natürlich in der Tat völlig unterkomplex und wird weder denen gerecht, auf die man mit dem Finger zeigt, noch den Begriffen gut und böse selbst. Warum tun das die Menschen aber so gerne? „Weil man es mit der Vieldeutigkeit und der Komplexität nicht so recht aushält, muss man die Welt natürlich übersichtlich machen“, antwortet Safranski. Und das gelinge nur durch eine dramatische Unterbietung der Komplexität.

Die Sündhaftigkeit des Menschen als eines von vielen Konstitutiva des Mensch-seins, das weder negiert noch aufgeblasen werden darf

Dann taucht der Literaturwissenschaftlicher und exzellente politische Beobachter noch tiefer ein und nun zeigt sich, dass er eben auch philosophisch exquisit bewandert ist: „Ich will nun ein paar Begriffe zum philosophischen Begriff des Bösen erläutern. Mit säkularen Mitteln will ich daran erinnern, worum es eigentlich geht, nämlich um die Sündhaftigkeit des Menschen.“ Das gehöre zum Genie des Christentums, das Bewusstsein dafür geweckt zu haben, „dass die Sünde eine elementare Tatsache ist, dass wir als freie Wesen Optionen ins Negative haben“. Das sei das Interessante.

Und das ist in der Tat die große Leistung des Christentums, die auch ich als metaphysischer Asket anerkennen muss: die Bewahrung des ethischen Objektivisimus, welcher der sophistischen Moderne abhanden kam, was die gesamte westliche Welt inzwischen zu zerstören droht. Wenngleich das Christentum natürlich zugleich in sich und auch von seinen Folgen und Konsequenzen her höchst problematisch war und ist. Inwiefern? Problematisch zum einen, weil durch eine Weltanschauung, die auf falschen, also unwahren, mindestens aber höchst kontingenten Überzeugungen beruht, die Selbstlüge oder der Selbstbetrug in die Seelen der Menschen Einzug hält, dergestalt sie das Falsche oder Kontingente als sichere Wahrheit postulieren und sie so quasi von Grund auf verunreinigt werden, dann aber alles auf dieser Anfangslüge aufbauen. Das ist das Eine, doch gibt es mindestens noch ein Zweites, jetzt auf die Folgen dieser falschen oder höchst kontingenten Weltanschauung bezogen.

Denn durch die Koppelung von objektiv gut an einen kontingenten Gott passiert nun folgendes: Sobald dieser Gott weg fällt, weil aufgeklärte, gebildete, wahrhaftige, weniger verzweifelte Menschen immer weniger an ihn glauben, fällt damit auch zugleich das objektiv Gute, welches ja fehlerhaft an diese reine Illusion und Projektion, zumindest aber an diese kontingente Größe gekoppelt war, welche gar keine Moral begründen kann!, weg. Genau das ist mit uns in Europa und überall in der westlichen Welt passiert. Und die Menschen in christlich geprägten Kulturen haben zumeist nicht gelernt, das objektiv Gute anders zu begründen und herzuleiten, denn über den einen und einzigen Gott. Wer kennt heute schon noch Sokrates, Platon und Aristoteles über den Namen hinaus?

Die Verflachung des Diskurses durch ein fehlerhaftes Menschenbild: Rousseauismus

Safranski scheint mir das als einer der wenigen zu sehen und erkannt zu haben, wenn er sagt: „Wir sind für uns selbst ein Risikofall, indem wir uns auch selbst vernichten können. Ganze Populationen können andere vernichten. Mit der Atomwaffe umso mehr. Wir tun gut daran, an die alte Einsicht, an das Gefährdet-Sein des Menschen durch sich selbst, zu erinnern.“ Bei einer solchen Fragestellung tauche das Böse auf. Dabei bemerke man auch die Verflachung des aktuellen Diskurses. „Da kommen die Psychologen und reden vom Destruktionstrieb und von schlechter Kindheit.“

Psychologen, so möchte ich ergänzen, leiden fast immer darunter, dass sie keinen Zugang zur dritten ontologischen Dimension (1. objektive Materie, 2. subjektive Psyche, 3. objektiver Geist) und zum Innenraum der Ethik haben, die sie quasi wie ein Außenstehender betrachten, ähnlich wie jemand, der Bücher anfängt zu wiegen und zu messen, ohne sie je aufzuschlagen, weil er gar nicht lesen kann oder will. Sie bewegen sich in einer ontologisch zweidimensionalen und ethikfreien, mithin völlig flachen Welt, was die breite Masse, die alles Flache, leicht Fassbare liebt, natürlich mag. Psychologische Texte kann man einfach so runterlesen, ohne dass man viel nachdenken muss. Das geht mit philosophischen Texten natürlich nicht. Und jetzt macht Safranski sofort auf eine weitere essentielle Unterscheidung aufmerksam und geht erneut mitten ins Herz der Problematik:

„Das ist Rousseauismus: Eigentlich wäre ja der Mensch gut. Die Gesellschaft macht ihn schlecht.“ Hier müsste eigentlich jeder scharfe Denker an Rousseau zurückfragen: Wo kommt denn die Schlechtigkeit der Gesellschaft, die ja aus Menschen besteht, dann her, wenn diese nicht im Menschen angelegt ist? Rousseau unterläuft der gleiche Denkfehler wie den Christentums-Erfindern, die den Schöpfer, den einen und einzigen Gott vom Bösen rein halten wollten. Genau wie diese ihre heilige Figur als absolut gut vorstellen wollten, so will Rousseau jetzt den Menschen vom Bösen gänzlich rein halten und ihn nun als von Natur aus nur gut vorstellen. Rousseau verschiebt das Böse gleichsam vom Menschen jetzt hin zur Gesellschaft.

Beides ist natürlich absurd, denn beide, christliche Lehre und Rousseau, können dann nicht erklären, wo das Böse herkommen soll, wie es – im Falle des Christentums – in den Menschen hinein kommt (das Gerede vom freien Willen hilft hier keinen Millimeter weiter) beziehungsweise im Falle von Rousseau wie es dann in die Gesellschaft hinein kommen soll, wenn doch alle Menschen von Natur aus nur gut sind. Auch hier sehen wir bei beiden wieder die Sehnsucht nach Reduktion von Komplexität. Gut und böse sollen ganz klar einer Instanz zugeordnet und nicht als Prinzipien gefasst werden, die in allen moralischen Wesen und Institutionen in Mischungsverhältnissen, unterschiedlichen Mischungsverhältnissen wohlgemerkt!, vorkommen und immer schon drin ist, mindestens in der Potentialität.

Was wir brauchen: mehr Hobbes, mehr Realitätssinn und Wahrhaftigkeit

Sodann zeigt Safranski auf, was aus dieser grundlegenden falschen rousseauschen Annahme, dem falschen Grundaxiom quasi, folgt: „Also bauen wir die Gesellschaft um, damit die Güte des Menschen zum Vorschein kommt. Das ist die rousseauistische Option. Davon sind wir jetzt sehr geprägt, von dieser verharmlosenden Sicht auf den Menschen.“ Und Safranksi gibt nach seiner meisterlichen Diagnose auch gleich den entscheidenden Hinweis, wie die Therapie für diese westliche Krankheit auszusehen hat: Ein bisschen mehr Hobbes wäre eigentlich ganz gut. Das war immer die Alternative. Hobbes oder Rousseau.“

Genau das ist es! Um den Menschen in seiner Ambiguität und Ambivalenz zu verstehen, braucht man beide: Hobbes, den Pessimisten, aber auch Realisten, der fast nur an den menschlichen Egoismus glaubt, der also etwas ganz Wesentliches erfasst hat, nur den Fehler macht, dieses absolut zu setzen, und Rousseau, der Romantiker, der ebenfalls ganz Wesentliches erkannte und Hobbes und dem christlichen Menschenbild, das den Menschen schlechter, vor allem kleiner macht, als er tatsächlich ist, einen Gegenentwurf entgegen stellt, der aber zu gut ausfällt und dabei die Bodenhaftung verliert. Also genau das, was die Neue Linke ausmacht.

Was wir also brauchen, ist im Grunde ganz einfach: die Synthese aus beidem. Denn beides ist in uns angelegt: das Gute und das Böse. Und Aufgabe der Erziehung, später der Selbsterziehung und Selbstformung, ist es, das Gute zu kultivieren, das Böse im Zaum zu halten, aber nicht zu leugnen, denn dann beginnt es, sich seine Wege zu suchen. Wer das Böse in sich selbst negiert und es nur den anderen hinschiebt, ihnen Aufkleber verpasst, wie es die Nazis mit den Juden taten, der wird weder den anderen noch sich selbst gerecht und auch nicht den Begriffen. Vor allem aber gibt er sich gar keine Chance, an dem Bösen in sich zu arbeiten. All die Projektionen, die aus diesem Von-sich-Wegschieben, von diesem Dem-anderen-Hinschieben folgen, kennen wir zur Genüge, Stichwort: Nazikeule und umgekehrt: Systemling.

Aber geben wir das Schlusswort, wie es sich gebührt, Herrn Safranski:Hobbes gemäß ist der Mensch ja dem Menschen ein Wolf. Deshalb braucht er die Ordnung, die Institution, Formen und Disziplin. Das alles braucht er, um nicht an sich selbst zugrunde zu gehen. Das ist immer noch mein Thema beim Bösen. Wir müssen wegkommen von der rousseauistischen Option und etwas mehr Hobbes – ich übersetze: etwas mehr Realismus und Wahrhaftigkeit (ohne die Romantik gänzlich aufzugeben!) – in unser Denken implementieren.“ Anders formuliert: Wir müssen eine bessere Balance finden oder aristotelisch ausgedrückt: Wir müssen die rechte Mitte finden zwischen den falschen Extremen.

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