So werden die Hamburger wählen

Von Jürgen Fritz, Sa. 22. Feb 2020, Titelbild: © JFB

Morgen ist es soweit. Mehr als 1,3 Millionen Wahlberechtigte sind aufgerufen, ihr Landesparlament, die Hamburgische Bürgerschaft, neu zu wählen. Dies ist die einzige Landtagswahl in diesem Jahr und Hamburg ist das letzte Bundesland mit einer rot-grünen Regierung. Vor fünf Jahren holte die SPD hier 45,6 Prozent, mehr als 2,2 mal so viel wie bei der Bundestagswahl. Die Grünen kamen 2015 auf über 12 Prozent, werden morgen aber deutlich zulegen. Und eines dürfte schon jetzt feststehen: Rot-Grün wird weiterregieren. Doch was ist mit den anderen Parteien?

Hamburg wählt seine Bürgerschaft

Mit ca. 1,84 Millionen Einwohnern zählt die Freie und Hansestadt Hamburg zu den kleineren der 16 Bundesländer:


9. Schleswig-Holstein: 2,90 Mio.
10. Brandenburg: 2,51 Mio.
11. Sachsen-Anhalt: 2,21 Mio.
12. Thüringen: 2,14 Mio.
13. Hamburg: 1,84 Mio.
14. Mecklenburg-Vorpommern: 1,61 Mio.
15. Saarland: 0,99 Mio.
16. Bremen: 0,68 Mio.

Eine Besonderheit besteht bei der Bürgerschaftswahl morgen darin, dass alle die mindestens 16 Jahre alt sind und eine deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, wahlberechtigt sind. Das Mindestwahlalter beträgt also nicht wie sonst 18 Jahre.

Die Spitzenkandidaten

Seit 2015 regieren SPD und Grüne in einer rot-grünen Koalition, der letzten in Deutschland auf Landesebene. Erster Bürgermeister ist seit dem Abschied von Olaf Scholz (SPD) im Frühjahr 2018 Peter Tschentscher (SPD). Tschentscher soll nach dem Willen der SPD Hamburgs Regierungschef bleiben. Auf dem Parteitag der SPD wurde er fast einstimmig zum Spitzenkandidaten gewählt.

Bei den Grünen geht die umstrittene Katharina Fegebank als Spitzenkandidatin in den Wahlkampf.

Die CDU wird von dem wenig bekannten Altonaer Bundestagsabgeordneten Marcus Weinberg angeführt.

Für die Linkspartei tritt Cansu Özdemir als Spitzenkandatin an …

… für die AfD ihr Landeschef Dirk Nockemann

… und für die FDP Anna-Elisabeth von Treuenfels-Frowein.

Für Letztere dürfte es morgen enorm eng werden, denn es steht wahrscheinlich absolut auf der Kippe, ob die FDP die Fünfprozenthürde wird nehmen können. Dazu gleich mehr.

Hamburg, die SPD-Hochburg

Die Hansestadt ist traditionell eine SPD-Hochburg. In den 21 Bürgerschaftswahlen seit 1946 landeten die „Sozialdemokraten“ 16 mal auf Platz 1 (in über 76 Prozent der Fälle), die CDU nur fünfmal und dann oft nur knapp.

Von 1957 bis 1970 kam die SPD immer auf ca. 54 bis 59 Prozent. Ja schon bei der allerersten Bürgerschaftswahl vor über hundert Jahren, im März 1919, kam sie auf 50,5 Prozent. Bei der letzten Bürgerschaftswahl 2015 waren es immer noch stolze 45,6 Prozent. Damit waren die Sozis sogar fast dreimal so stark wie die CDU, die gerade einmal auf 15,9 Prozent kam. Hamburg ist also, so kann man sagen, eher eine SPD-Stadt, ein SPD-Bundesland.

Die letzten fünf Jahre sah die Sitzverteilung in der Bürgerschaft (121 Abgeordnete) wie folgt aus:

Sitzordnung-2015

Sitzverteilung-2015

Neben den fünf bisherigen Fraktionen zog 2015 mit 6,1 Prozent auch die Alternative für Hamburg in die Bürgerschaft ein. Damit waren erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg sechs Parteien im Parlament vertreten.

So werden die Hamburger morgen wählen

Hier nun die Prognose von Wahl-O-Matrix, dem deutschlandweit führenden Meta-Analyse-Tool. So werden die Hamburger morgen wählen (in Klammern die Veränderungen gegenüber 2015):

  1. SPD: 38 % (− 7,6)
  2. GRÜNE: 23,5 % (+ 11,2)
  3. CDU: 13 % (− 2,9)
  4. LINKE: 8 % (−0,5)
  5. AfD: 6,5 % (+ 0,4)
  6. FDP: 5 % (− 2,4)
  7. Sonstige: 6 % (+ 1,8)

Prognose-2020-02-22

Dabei sind die Prognosewerte so zu sehen, dass die Abweichung von diesen jeweils bei ca. 2 bis 3 Prozentpunkte nach oben und unten liegen kann bei den größeren Parteien, bei 1 bis 2 Punkten bei den kleineren Parteien. Die mittlere Abweichung der Wahl-O-Matrix-Prognosen lag bisher immer im Bereich von ca. 1 bis 2 Prozentpunkte, bei der EU-Wahl vor neun Monaten beispielsweise bei 1,22 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit ist also hoch, dass die Parteien morgen in folgenden Bereichen liegen werden:

  1. SPD: 35 – 41 %
  2. GRÜNE: 21 – 26 %
  3. CDU: 11 – 15 %
  4. LINKE: 6,5 – 9,5 %
  5. AfD: 5 – 8 %
  6. FDP: 4 – 6 %
  7. Sonstige: 4,5 – 7,5 %

Rot-Grün wird in Hamburg weiter regieren können, seine Mehrheit sogar noch ausbauen

Legen wir jeweils die Mittelwerte dieser Bandbreiten, also die Werte in dem Bild zu Grunde, dann hätte Rot-Grün weiterhin eine klare Mehrheit in der Hamburgischen Bürgerschaft, ja sogar noch deutlicher als zuvor, denn sie kämen zusammen auf ca. 61,5 Prozent der Stimmen und hätten damit im Parlament sogar fast eine Zweidrittelmehrheit.

Dabei dürfen wir davon ausgehen, dass die SPD deutliche Verluste einfahren wird, welche aber von den Grünen überkompensiert werden. Verluste wird wohl auch die CDU zu verzeichnen haben, eventuell auch Linkspartei, ganz sicher aber die FDP. Für sie dürfte es morgen ähnlich wie in Thüringen vor wenigen Monaten, als sie auf 5,00 Prozent kam, enorm knapp werden. 5 Prozent in der Prognose heißt hierbei, dass die FDP mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwo zwischen 4 und 6 Prozent landen wird.

Auch für die AfD könnte es unter Umständen knapp werden. 6,5 Prozent in der Prognose bedeutet, sie wird mit hoher Wahrscheinlichkeit zwischen 5 und 8 Prozent landen. Hier ist sehr schwer einzuschätzen, ob sich der Massenmord von Hanau, den ihr die politischen Gegner wahltaktisch unterzujubeln versuchen, negativ auf ihr Ergebnis auswirken könnte.

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