Das Versagen der Denker und Literaten in Corona-Zeiten

Von Thomas Schmid, Di. 05. Mai 2020, Titelbild: Hephaistos, YouTube-Screenshot

Eine der klügsten und zugleich bescheidensten Bemerkungen über das Damoklesschwert namens Corona stammt von einem Mann, der sich selbst zur „Hochrisiko-Gruppe“ rechnen muss. Auf die Frage, wie er die Krise erlebe, antwortete der Philosoph Jürgen Habermas, der nächsten Monat 91 Jahre alt wird, auf sokratische Weise: „Eines kann man sagen: So viel Wissen über unser Nichtwissen und über den Zwang, unter Unsicherheit handeln und leben zu müssen, gab es noch nie.“ Wie kaum ein anderer in den unterschiedlichsten Wissenschaften belesen, bekennt sich der Philosoph dazu, das zu sein, was wir alle sind: Unwissende. Thomas Schmid über defensive Tugenden und was wir heute, aber auch in Zukunft brauchen.

1. Defensive Tugenden

Alle tappen im Dunkeln, auch die Virologen. Handelt es sich trotz der 252.241 Toten (Stand 04.05.2020, 4.096 mehr als am Tag zuvor) nur um eine Art Grippe, wie noch immer einige behaupten? Ist es in Deutschland und anderswo gelungen, die Ausbreitung des Virus nachhaltig zu verlangsamen? Wie groß ist die Gefahr einer zweiten Welle, die dann furchtbar ausfallen könnte? Zu allem gibt es Meinung und Gegenmeinung, auch Expertise. Aber keine Gewissheit.

Nicht Untätigkeit und Schockstarre sind nun vonnöten. Wohl aber defensive Tugenden: Vorsicht, Skrupel und nochmals Vorsicht. Da moderne Gesellschaften ihr Zivilisationsniveau und ihr Wohlergehen aber vor allem den Künsten des Vorpreschens, des energischen Ausgreifens und des optimistischen Sich-Vorwagens verdanken, stehen defensive Tugenden in keinem hohen Ansehen. Nicht mehr Auf- und Fortbau, sondern gedrosseltes Tempo: Das ist eine Erfahrung, die wir nie gemacht haben. Wir müssen uns in diesem Modus erst noch zurechtfinden. Dabei lernen wir, dass einiges, was bisher wertvoll glänzte, Talmi (Falschgold) war. Es geht auch ohne.

2. Denker und Literaten

Etwa ohne jene großen Denker, die stets meinen, die Welt umfassend erklären zu können. Sie blamieren sich gerade. Ob der Philosoph Giorgio Agamben seine Theorie vom dauerhaften Ausnahmezustand bestätigt sieht; ob der philosophische Dampfplauderer Peter Sloterdijk gegen die westlichen Demokratien höhnt und einer neuen Wissenschaft, der Labyrinthologie, das Wort redet. Als ob Wissenschaft, Naturwissenschaft zumal, sich nicht immer schon im Labyrinth bewegte. Oder ob der Boulevard-Historiker Niall Ferguson kurzerhand die freiheitliche Weltordnung für gescheitert erklärt – diese Autoren verbreiten das, was sie immer schon gedacht haben. Corona aber ist etwas Neues, sich nur alter Ansichten zu vergewissern, hilft nicht. Diesen Denkern entgeht, dass sie mit ihrer Sturheit dem Ansehen ihres Metiers schaden. Demut, Zurückhaltung und viel Neugier sind gefragt.

Auch das literarische Treiben steht schlecht da. Viele Autoren haben sich von der ungewöhnlichen Situation dazu hinreißen lassen, augenblicklich Tagebücher zu verfassen, in aller Öffentlichkeit. Als wäre es ein Gewinn, wenn sie jetzt ihre Befindlichkeiten protokollieren. Während sie sich am Puls der Zeit wähnen, sind sie zumeist literarische Adabeis, geistige hitchhiker. Wenn sie – in Polen, Frankreich, Deutschland – ihre Beobachtungen beim Blick aus dem Fenster oder ins Netz oder in ihre Seele festhalten, mag das nett, klug und schön klingen. Die vielen Corona-Tagebücher, die die Verlage in Aussicht stellen, dürften Flops werden. Denn einen Moment der Wahrheitsfindung enthält die gegenwärtige Ausnahmesituation ja schon: Das literarische Bemühen, das sich immer nur ums arme Subjekt im monströsen Alltag der Moderne dreht, ist ermüdend und nicht ergiebig. Leser wollen mehr geboten bekommen. Es wird nach Corona neu zu erfühlen sein, was literarische Zeitgenossenschaft bedeutet.

3. Zivilgesellschaft und Regierung

Auch jene interdisziplinär zusammengesetzten Manifest-Kollektive, die derzeit der Politik forsch ins Gewissen reden, erweisen ihren Berufsständen nicht unbedingt einen guten Dienst. Allzu vollmundig zeihen sie die Bundesregierung einer angstgetriebenen Inkompetenz, allzu selbstgewiss setzen sie Öffnungsszenarien in die Welt. Im SPIEGEL schreiben Alexander Kekulé, Julian Nida Rümelin, Juli Zeh und drei weitere Autoren: “Wir müssen aus dem Lockdown so rasch wie möglich in eine Phase übergehen, die unsere Volkswirtschaft aus dem Winterschlaf weckt, Eingriffe in unsere Grundrechte minimiert und uns dennoch hinreichend vor einem Wiederaufflammen der Gesundheitskrise schützt.“ Wer wollte das nicht? Doch mit ihrem Rezept geben sich diese Autoren sicherer als sie sein können. Sie mögen Recht haben, können das aber nicht beweisen.

Mit ihrer Regierungskritik spielen sie ein altes Spiel. Sie bringen die Zivilgesellschaft, der unausgesprochen eine apriorische Überlegenheit zugewiesen wird, gegen Politik, Regierung, Staat in Stellung. Doch das funktioniert nicht mehr. Es war allein die – von Virologen beratene – Politik, die in einem ganz und gar einmaligen Kraftakt in der Lage war, allen Bürgern ein rigoroses Selbst- und Fremdschutzregiment zu verordnen. Ein wenig Vertrauen in die Vernunft der Regierenden täte derzeit not.

Sie werden schon deswegen ihr Bestes zu geben versuchen, weil sie wie alle anderen Bürger auch Betroffene und potenzielle Opfer des Corona-Virus sind. Während sich Kaiser Wilhelm II. keinen Tag lang im Schützengraben dem feindlichen Feuer aussetzen musste, steht Jens Spahn rund um die Uhr an der Corona-Front. Politiker entscheiden oft über andere. Heute entscheiden sie auch über sich selbst. Sie sind nicht so sehr Machthaber als vielmehr so etwas wie Familienväter und -mütter der gesamten Bevölkerung. Da spricht einiges dafür, dass sie das Richtige wollen.

4. Der Staat, der doch mehr ist als ein Akteur unter anderen

Es waren weder Krieg noch Weltwirtschaftskrise, es war ein durch die Globalisierung sich um die Welt verbreitendes Naturphänomen, ein Virus, das die Regierungen fast aller Staaten plötzlich zu einer Vollbremsung in Richtung gesellschaftlichen Stillstands ermächtigt hat. Das war bisher ganz unvorstellbar gewesen. Angesichts der Komplexität moderner Gesellschaften war die Politik längst ein relativ machtloser Spieler in einem Ensemble von zentral nicht steuerbaren Akteuren geworden. Sie kannte nur die langsame Gangart, kleine Schritte. Großes schnell zu bewegen, blieb ihr verwehrt, und das war auch gar nicht schlecht.

Wenn die Politik jetzt vom Haus der Ohnmacht in das der Allmacht umgezogen ist, zeigt sich: Der Staat ist im entscheidenden Moment doch mehr als ein Akteur unter anderen. Nur er kann Kriege führen oder verhindern, nur er kann ganze Bevölkerungen auf Regeln verpflichten. Steht also ein neuer Leviathan vor der Tür? Wird sich der Staat in alles einmischen, wird er alles lenken wollen? Die Versuchung besteht. Die Entschlossenheit, mit der die Minister der Bundesregierung derzeit fast im Tagestakt die gewaltigsten Geldmengen in Bewegung setzen, lässt schwindeln. Und das Beispiel Lufthansa zeigt, dass der Staat durchaus versucht ist, als Entgelt für Hilfen Mitsprache einzufordern.

Dennoch ist der Weg in die Staatswirtschaft, in den totalen Staat nicht vorgezeichnet. Das Leben der Deutschen hat sich radikal verändert, die Demokratie ist an vielen Stellen suspendiert worden. Sie ist aber nicht verloren gegangen. Der Staat, der sein Handeln täglich erklärt, ist keineswegs vom Ausnahmezustand narkotisiert. Er nimmt befristet eine Schutz- und auch Lenkungsfunktion wahr.

5. Hermes und Hephaistos

So stark er jetzt ist, nach Corona wird er wieder so machtgebremst sein wie zuvor. Und dann wird wie selten vorher auf Gesellschaft, Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Unternehmen, Wissenschaftler aller Disziplinen und Stiftungen die Aufgabe zukommen, mit großem Elan vieles neu zu justieren. Corona hat die Verletzlichkeit moderner Gesellschaften offenbart und viele Mängel sichtbar gemacht. Im sozialen Leben wäre es ratsam, das Verhältnis von Nähe und Distanz dauerhaft neu zu bestimmen – das wird Soziologen, Architekten, Verkehrsplanern, Psychologen, Supermarktleitern und Konzertveranstaltern viel zu tun geben.

Auch hat sich gezeigt, dass etwas an unseren sozialen Hierarchien nicht stimmt. Dass Kassiererinnen und Krankenschwestern und Pfleger ziemlich weit unten stehen, hat sich als Skandal erwiesen. Es muss anders werden, und das ist nicht nur eine Frage des Geldes. Wieder wird die Phantasie vieler Professionen gefragt sein. Und so weiter: Vom Verkehrssystem über die Mobilität und das Reisen, über Schulen, Universitäten und das digitale Universum bis hin zu den Verlagen und der ganzen Sphäre der Kultur – überall wird ein Schwung von Innovationen gefordert sein.

Also am Ende doch kein gedrosseltes Tempo, sondern energischer Auf- und Fortbau. Kurz vor seinem Tod 1985 hat der italienische Schriftsteller Italo Calvino auf Einladung der Harvard University „Sechs Vorschläge für das nächste Jahrtausend“ geschrieben. Darin sinniert er von einer Zukunft, in der zwei griechische Götter Hand in Hand gehen und sich ergänzen werden: Hermes und Hephaistos (lateinisch: Mercurius und Vulcanus).

Hermes (Mercurius) hat Flügel an den Füßen. Er ist der Gott der Kommunikation und der Vermittlung. Unbefangen fliegt er dahin, ist überall zu Hause. Hephaistos (Vulcanus) dagegen sitzt stets im Grund seines Kraters, schützt Götter und Menschen vor der zerstörerischen Kraft des Feuers. Der begabte, gutmütige, hinkende Schmied stellt Geschmeide und Wunderwaffen her, produziert Nützliches. Calvino gibt damit einen Hinweis, den man heute aufgreifen könnte. Denn die Eigenschaften und Qualitäten beider Götter sind heute gefragt: Leichtfüßigkeit und Fokussierung, Hardware und Software, digitale und analoge Welt, Sturheit und Leichtsinn, Phantasie und Ausdauer.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf dem WELT-Blog des Autors Thomas Schmid – die Texte und erscheint hier mit dessen freundlicher Genehmigung.

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Zum Autor: Thomas Schmid, Jg. 1945, nahm in seinen Zwanzigern an der Studentenbewegung in Frankfurt teil, was ihn später gegenüber Heilslehren misstrauisch machte – und ihn die Bürgerfreiheit schätzen lehrte. Lektor, freier Autor, Journalist. Zuletzt in Berlin Chefredakteur und dann Herausgeber der WELT-Gruppe. In seinem Blog veröffentlicht er regelmäßig Kommentare, Essays, Besprechungen neuer, älterer und sehr alter Bücher, Nachrufe und nicht zuletzt Beobachtungen über den gemeinen Alltag.

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