Nur die Moral kann uns vor dem Abgrund retten – Marxismus aber ist falsch

Von Jürgen Fritz, Mi. 12. Aug 2020, Titelbild: ttt-Screenshot

Wir leben in dunklen Zeiten. In Zeiten, in denen das, was wir aus moralischen, das heißt, alle Menschen betreffenden Gründen tun bzw. unterlassen sollen, durch Propaganda, Ideologie, Fake News und Halbwahrheiten verdeckt werden. Je mehr solcher Verdeckungsstrategien, desto dunkler die Zeiten, sagt Deutschlands weltweit bekanntester Gegenwartsphilosoph Markus Gabriel. Dabei gebe es gigantische Manipulationsmaschinen, die uns vorgaukeln, dass es gar keine moralisch objektiv existierenden Werte, keine universellen moralischen Wahrheiten gäbe. In seinem neuen Buch legt Gabriel einen Entwurf zu einer neuen Aufklärung gegen den Werterelativismus vor und zeigt: Die Menschheit ist zu moralischem Fortschritt fähig. Es gibt universale Grundwerte, die für alle Menschen gelten.

Promotion mit 25, mit 29 Professor der Philosophie

Dass er ausgerechnet Philosophie studieren wollte, davon waren seine Eltern, zwei gläubige Katholiken, gar nicht angetan und wollten ihm dieses Studium auch nicht finanzieren. Also musste der 1980 Geborene nach dem Abi erstmal jobben. Als er mit 23 bei der Studienstiftung des Deutschen Volkes angenommen wurde, war das Finanzielle dann erstmal gesichert. Und seinen Eltern versprach er, dass er mit 30 Professor sein würde.

Bereits während seines Zivildienstes begann er mit 19 nebenher mit einem Fernstudium. Mit 20 ging es dann an der Uni in Bonn vollzeitmäßig los mit seinem Studium der Philosophie, Klassischen Philologie (Griechisch) und Germanistik und mit 22 wechselte er an die altehrwürdige und renommierte Uni in Heidelberg, wo er 2005 promovierte. Sowohl Dissertation als auch Rigorosa schloss er mit summa cum laude (mit höchstem Lob bzw. mit Auszeichnung, also dem höchsten Prädikat überhaupt) ab.

Nun war er, gerade erst 25 geworden, Doktor der Philosophie und ging auf Einladung von Prof. Crispin Wright erstmal für ein knappes Jahr als Postdoc-Stipendiat an die New
York University. Nachdem seine Dissertation 2006 mit dem Ruprecht-Karls-Preis der Universität Heidelberg ausgezeichnet worden war, folgte 2008 die Habilitation. Der Zeitplan, er war jetzt 28 und schon habilitiert, war also recht gut eingehalten. Nun wurde er erstmal Assistant Professor in New York City und mit 29 übernahm er den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie / Philosophie der Neuzeit und Gegenwart an der Uni in Bonn.

John Searle: „momentan der beste Philosoph in Deutschland“

Mit 32 wurde Markus Gabriel Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie an der Universität Bonn und mit 37 Direktor des Center for Science and Thought. Außerdem war er seit 2009 Gastprofessor in Neapel, Paris, Lissabon, Brasilien, Dänemark, Berkeley (Kalifornien), Palermo, Tokio, an der Sorbonne in Paris und in New York. Er spricht inklusive Deutsch sechs Sprachen fließend, Altgriechisch und Latein sehr gut, hat Grundkenntnisse in Hebräisch und lernt nun mit 40 Chinesisch, seine nunmehr zehnte Sprache.

Manche halten Gabriel für einen herausragenden Philosophen unserer Zeit. Der sehr bekannte amerikanische Philosoph John Searle, der eine Gabriels Neuem Realismus nahestehende Position vertritt, schätzte diesen schon vor vier Jahren als „momentan der beste Philosoph in Deutschland“ ein.

Markus Gabriel: Wir leben in dunklen Zeiten, aber der moralische Horizont ist immer da

Für den Deutschlandfunk führte Liane von Billerbeck letzte Woche ein Gespräch mit dem neuen Star der Philosophie über sein gerade neu erschienenes Buch Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten – Universale Werte für das 21. Jahrhundert (hier nachzuhören).

Gabriel meint, dass wir unverkennbar in dunklen Zeiten leben, mithin in Zeiten, in denen das, was wir aus moralischen –  das heißt, alle Menschen betreffenden – Gründen tun beziehungsweise unterlassen sollen, durch Propaganda, Ideologie, Fake News, Halbwahrheiten und so weiter verdeckt werde. Und je mehr solche Verdeckungsstrategien wir haben, desto dunkler die Zeiten.

Die zwei größten derzeitigen Bedrohungen sieht er dabei zum einen in der Klimakatastrophe. Das sei eine echte existenzielle Gefahr, denn es gehe um die Selbstzerstörung der Menschheit. Zum anderen komme eine Bedrohung aus einer nicht wünschenswert organisierten Digitalisierung, also einer unmoralischen Digitalisierung, welche den Planeten ebenfalls gerade verwüste – durch die Selbstzerstörung der liberalen Demokratie. Diese zwei Dinge halte er für die derzeit gefährlichsten Katastrophen, die leider auch noch eng miteinander verzahnt seien.

Den moralischen Horizont sieht Gabriel darin, dass wir sehen, was wir aus teils ganz offensichtlichen Gründen tun beziehungsweise unterlassen sollen: Sehr wenige von uns schubsen zum Beispiel Menschen die U-Bahn runter. Zu Recht seien wir empört, wenn wir hören, dass solches in München oder Berlin mal wieder stattgefunden habe. Das heiße, wir tun sehr häufig das moralisch offensichtlich Gute und vermeiden das Böse.

Gigantische Manipulationsmaschinen gaukeln uns vor, es gäbe keine objektiv existierenden Werte, keine objektive Wahrheit

Nun sei es allerdings leider so, dass das Böse derzeit spürbar zunehme, weil die politische Rhetorik sich verändere und weil es gigantische Manipulationsmaschinen gebe, die uns vorgaukeln, dass es gar keine moralisch objektiv existierenden Werte gebe (ethische Skeptizisten, sprich Relativisten und Subjektivisten, JFB), dass dies sozusagen nur ein kulturelles Artefakt sei, dass wir Menschen nicht so häufig die U-Bahn runterstoßen, dass man das aber im Grunde genommen auch ändern könnte.

Genau das sei der falsche, sehr gefährliche Gedanke des Werterelativismus beziehungsweise des Wertenihilismus, der leider auch bei uns verbreitet sei. Das sei nicht etwa nur ein chinesisches oder russisches, sondern auch ein universales Problem der Menschheit.

Dabei seien Fake News entscheidend gefährlich für die Moral. Denn in der Moral beziehungsweise in der Ethik – der philosophischen Disziplin, die die Moral erforscht – gehe es um objektive Wahrheiten, also darum, was wir als Menschen tun beziehungsweise unterlassen sollen. Da gebe es keinen Unterschied zwischen uns, zwischen einer indigenen Bevölkerung in Kolumbien, den Japanern oder Subsahara-Afrikanern. „Es gibt keinen moralischen Unterschied zwischen Menschen – aber Fake News zersetzen unsere Einstellung zur Wahrheit“, so Gabriel.

Ethische Positionen

© JFB

Die Gegenposition, der Glaube, es gäbe keine objektiven Werte, ist nicht einmal schlüssig formulierbar

Das sei nicht bloß besonders gefährlich, wenn es um das Coronavirus gehe – das sei moralisch geradezu noch unerheblich –, sondern vor allem wenn es im Allgemeinen um Moralität gehe. Sobald die Moral einmal verschwinde – wenn der Horizont verdunkelt sei –, dann setze die Dehumanisierung ein. „Wir haben das ja leider in Deutschland in der bisher schlimmsten Form der Menschheitsgeschichte erlebt“.

Dass das Gute und das Böse universale Werte seien, sei erstens eines der Hauptergebnisse der letzten dreitausend Jahre Philosophiegeschichte mit einer kurzen Episode – der sogenannte Postmoderne -, wo man das bezweifelt habe. Universale moralische Werte seien ein Standard in der Philosophie, so wie in der Mathematik die Einsicht, dass zwei plus zwei gleich vier ist. Als Philosoph müsse man das immer mitteilen, so ähnlich wie die virologischen Kollegen die Tatsachen über die Viren.

Zweitens gebe es dafür natürlich eine ganze Reihe von Argumenten. Die Gegenposition, zu glauben, es gäbe kein objektiv existierendes Gutes und Böses, lasse sich nicht einmal kohärent durchdenken. In seinem neuen Buch Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten – Universale Werte für das 21. Jahrhundert, versuche er die philosophische Argumentation allgemeinverständlich für alle Leser zu demonstrieren, dass es das objektiv Gute geben muss, weil die Gegenposition gar nicht schlüssig formulierbar sei.

Nur die Moral kann uns vor dem Abgrund retten – Marxismus aber ist falsch

Brecht habe sich getäuscht mit seinem berühmten Satz, erst komme das Fressen und dann die Moral: „Selbst in der schlimmsten Armut gelten natürlich moralische Standards“, so der Philosoph. Einer der Aspekte der Problemlagen bei extremer Armut sei, dass extrem arme Menschen anderen nicht mehr so leicht Gutes tun könnten. Das sei wiederum ein Aspekt des Demütigenden. Wir müssen also, so könnte man ergänzen, uns bemühen, jeden Menschen in die Lage zu versetzen, dass er Gutes auch tatsächlich tun kann.

Brecht aber sei Marxist gewesen, und „Marxismus ist falsch“. Die Vorstellung, dass Menschen im Grunde genommen versuchen, einander auszubeuten, sodass man versuchen müsse, irgendwie durch ein ökonomisches Zwangssystem Menschen in halbwegs stabilen Gesellschaften leben zu lassen, sei verkehrt. „Wir dürfen nicht vergessen, dass der Marxismus genauso ein Ausbeutungssystem ist wie der extreme, entfesselte Kapitalismus zum Beispiel US-amerikanischer Prägung.“ Brecht habe insofern ein fundamental falsches Menschenbild.

Nur die Moral könne uns vor dem Abgrund retten, weil die Moral der Kompass sei, für uns als Individuen oder auch als Entscheidungsträger in Institutionen, egal ob jetzt der lokale Supermarkt oder die Bundesregierung. Wir alle seien irgendwie in Institutionen beschäftigt. „Nur wenn wir versuchen, moralische Einsicht zu praktizieren in unserem Alltag, können wir das Richtige tun.“ Dabei gelte: Das objektiv Richtige – das sage ja schon der Titel – kann nicht das Falsche sein.

Derzeit sei es in der Corona-Zeit objektiv richtig,  alles so umzubauen, „dass das Ergebnis dieses Umbaus der Gesellschaft ein genuin, ein wirklich nachhaltiges Wirtschaften ist.“  Eine Kombination aus einer indigenen Lebensform mit der modernen Technik.

Philosophie und Ethik müssen für jeden Pflichtfach werden, spätestens ab der Grundschule

Um Menschen dazu zu bringen, dass sie Werte haben und danach leben und zwar so nachhaltig, wie gerade beschrieben, müssten wir sehr radikal ansetzen. Deswegen fordert Markus Gabriel am Ende seines Buches genau das, was ich seit Jahrzehnten fordere: Philosophie und Ethik als Pflichtfach, spätestens ab der Grundschule. Man sollte natürlich schon früher beginnen.

Das heiße, wir müssen Praktiken der Weisheit, der Einsicht in das, was wir tun beziehungsweise unterlassen sollen, auch rational kommunizieren und lehren können. Diese Praktiken müssen wir tief in unserem Bildungssystem verankern, genauso wie wir eine Ethik der künstlichen Intelligenz brauchen, so dass unser Nachwuchs lernen kann, über moralische Fragen rational nachzudenken. Außerdem müsse jeder Bürger Zugriff haben auf ethisch reflektiertes Nachdenken über die Grundlagen unseres Handelns.

Das aber werde derzeit konterkariert durch die sozialen Medien, weil dort nicht rational darüber diskutiert werde, was wir tun sollen, sondern alle einander gegenseitig beschimpfen. So wie jetzt die Corona-Demonstranten die Regierung beschimpfen und die Regierung leider teilweise zurückschimpfe. Das aber sei eine rational inakzeptable Diskussionslage für einen aufgeklärten Staat.

Markus Gabriels neuestes Buch: Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten – Universale Werte für das 21. Jahrhundert

Dieses Buch ist ein philosophisches Handbuch, das einen Entwurf der Aufklärung gegen den Wertenihilismus unserer Zeit bietet. Es gibt uns eine neue Antwort auf die Hauptfrage der Philosophie: „Was ist der Mensch?“ Die Krise der liberalen Demokratie und die Ausbreitung des Populismus folgen dem Muster einer Selbstabschaffung des Menschen. Der Diskurs über Künstliche Intelligenz und die hemmungslose Digitalisierung verstärken diese fatale Entwicklung noch. Doch trotz aller gegenwärtigen Rückschläge: Die Menschheit ist zu moralischem Fortschritt fähig.

In seinem engagierten Buch zeigt Markus Gabriel, Deutschlands weltweit bekanntester Gegenwartsphilosoph, warum es nicht verhandelbare, universale Grundwerte gibt, die für alle Menschen gelten. Er zeigt: Wir bedürfen dringend eines innovativen Konzepts der Kooperation von Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, um ein Gesellschaftssystem zu entwerfen, das auf moralischen Fortschritt zielt.

Süddeutsche Zeitung: „Einer der wichtigsten deutschen Philosophen der Gegenwart“

Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten – Universale Werte für das 21. Jahrhundert, Ullstein HC Aug. 2020, 368 Seiten, EUR 22,00

Ich ist nicht Gehirn: Philosophie des Geistes für das 21 ...

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