Anmerkung zum Gewinner der TV-Trielle

Von Jürgen Fritz, Mo. 20. Sep 2021, Titelbild: ProSieben-Screenshot

Die Forsa-Umfrage zum dritten TV-Triell kann man vergessen. Diese ist völlig unprofessionell und ohne wirkliche Aussagekraft. Wenn man die tatsächliche Auswirkung dieser Sendung auf die Wähler analysieren möchte, so gibt es methodisch ein essentielles Prozedere, welches Forsa und die grün-links dominierten Massenmedien, sei es aus mangelnder Kompetenz oder anderen Gründen, zum Großteil nicht beherzigen.

 Wenn man wirklich wissen will, was ein TV-Triell bei den Wählern bewirkt, so muss man methodisch wie folgt vorgehen 

Das entscheidende Prozedere ist das folgende, welches Forschungsgruppe Wahlen (ohnehin wohl das beste Meinungsforschungsinstitut in Deutschland) nach dem zweiten TV-Triell auch genau so anwandte: Es fragte nämlich „Wen hätten Sie am liebsten als Bundeskanzler?“ und – das ist das entscheidende! – Forschungsgruppe Wahlen stellte diese Frage zweimal: 1. vor dem Triell und 2. danach:

FW-zweites Triell

ZDF-Screenshot

Anhand dieser Zahlen und zwar konkret der Unterschiede aus (1) und (2), vorher – nachher, kann man sehen, wer durch das Triell zulegen konnte in der Wählergunst und wer verloren hat, wer also etwas bewegen konnte, wie sich die Sendung tatsächlich auswirkte und den Status Quo verändert hat. Alles andere ist wenig aussagekräftig, von sekundärer Relevanz und wird von den zum Großteil extrem parteiischen (weitgehend grün-rot durchdrungenen) TV- und Hörfunk-Sendern gerne zur Vernebelung benutzt, je nachdem wie man es gerade braucht.

Im zweiten Triell konnte Laschet den Vorsprung von Scholz in der K-Frage halbieren

Beim zweiten Triell in ARD und ZDF vor einer Woche, welches Forschungsgruppe Wahlen professionell auswertete, war es so, dass Scholz vorher einen Vorsprung von 36 Prozentpunkten auf Laschet hatte, hinterher aber nur noch 18 Punkte. Das heißt, Laschet war es gelungen, in diesen knapp zwei Stunden, Scholz‘ Vorsprung zu halbieren. Dieser verlor immerhin 9 Punkte. Jeder Sechste derjenigen, die vor dem Triell noch Scholz am liebsten als Kanzler haben wollten, wollte dies nach der Sendung nicht mehr. Scholz hat also ein Sechstel an persönlicher Zustimmung verloren. Laschet, der wie Baerbock mit einem sehr niedrigen Wert von nur 19 Prozent gestartet war, konnte dagegen seinen Zustimmungswert um fast 50 Prozent auf fast das 1,5-fache steigern (auf 28), während Baerbock nur minimal zulegen konnte (von 19 auf 20 Prozent). 

Insofern war natürlich Laschet der Gewinner dieses zweiten Triells. Stellen Sie sich etwas vereinfacht ein Eishockeyspiel vor, das über drei Drittel gespielt wird. Scholz hat quasi noch vor dem ersten TV-Triell das erste Drittel haushoch gewonnen. Nicht weil er so phantastisch performte, sondern weil seine zwei Kontrahenten in den Wochen und Monaten zuvor so furchtbar patzten. Laschet über viele Monate hinweg, schon in der Coronakrise, dann mit seinem absoluten Fauxpas, als er mitten im Krisengebiet der Hochwasserkatastrophe beim Lachen gefilmt wurde. Das könnte ihn die gesamte Wahl kosten.

Baerbock patzte mit all ihren Skandalen: mehrfach gefakter Lebenslauf, in dem sie immer wieder falsche oder irreführenden Angaben machte, all ihre verbalen und sachlichen Patzer, wenn sie zum Beispiel meinte, Menschen würden CO2 nicht emittieren, sondern „verbrauchen“, ihr fragwürdiger, dubioser Master mit verschwundener Masterarbeit, ihr Stipendium über mehr als 40.000 Euro, von dem sie keinen einzigen Euro zurückzahlte, obschon sie nach ihrem angefangenen Studium in Hamburg auch ihre angefangene Promotion abgebrochen hat, ihre nachgemeldeten Nebeneinkünfte, ihre nachgemeldeten Ehrenämter, ihre Buch, das mehr als hundert Plagiate enthalten soll usw. usf.

Laschet hat das zweite Triell gewonnen, lag aber noch immer deutlich hinter Scholz, weil er mit so großem Rückstand in die Partie ging

Baerbock und Laschet lagen nach dem ersten Drittel des Wahlkampfs, noch vor dem ersten Triell quasi schon mit 0:5 zurück, auf Grund ihrer eigenen schweren Fehler. Wenn dir das zweite Triell nun aber für sich betrachten, so kann man sagen: Dieses ging klar an Laschet. Laschet hat dieses Eishockey-Drittel gewonnen, freilich nicht hoch genug, um den hohen Vorsprung von Scholz ganz aufholen zu können. Wenn er aus einem 0:5 ein 2:5 macht, dann liegt er insgesamt immer noch deutlich zurück, das zweite Drittel hat er aber für sich entschieden.

Genau so habe ich es auch wahrgenommen und direkt nach dem zweiten TV-Triell geschrieben. Dabei bin ich kein klassischer CDU-Anhänger, habe diese noch niemals gewählt und bin noch weniger ein Laschet-Anhänger. Ich traue mir aber zu, dass ich halbwegs objektiv wahrnehmen kann, ob jemand seine Sache unabhängig von meinen politischen Präferenzen gut oder weniger gut macht. Bei Kühnert und Wagenknecht, die ich inhaltlich schrecklich finde, sehe ich zum Beispiel, dass sie rhetorisch exzellent und kognitiv äußerst beweglich und sehr professionell sind. Und im zweiten Triell habe ich gesehen, dass Laschet seinen Job nicht perfekt, aber doch gut machte, klar besser als Baerbock und Scholz. Vor allem aber war er besser als die niedrigen Erwartungshaltungen, welche viele von uns ihm gegenüber hatten, während Scholz hinter den Erwartungen zurückblieb.

Scholz lebt von seinem großen Vorsprung, den er Laschets und Baerbocks Fehlern zu verdanken hat und irgendwie ins Ziel zu retten versucht

Scholz lebt voll und ganz von seinem großen Vorsprung, mit dem er bereits in das erste Triell ging. Seine Devise wird lauten: Jetzt bloß keinen großen Fehler mehr machen und das Ding irgendwie ins Ziel retten. Laschet muss dagegen angreifen, weil er von seinen persönlichen Werten her anfangs drastisch zurücklag und noch immer deutlich zurückliegt und weil auch, was natürlich entscheidend ist, da wir ja keine Personen wählen, sondern Parteien, die Union noch immer hinter der SPD zurückliegt. Für Laschet und die Union wird die Schlüsselfrage sein, ob ihnen die Zeit bis zum nächsten Sonntag noch reichen wird, den Vorsprung von Scholz und der SPD aufzuholen.

Derzeit sieht es eher nicht danach aus, aber es könnte die letzten Tage noch sehr eng werden. Der Vorsprung der SPD vor der Union betrug gestern morgen im Wahl-O-Matrix-Mittel aller Institute nur noch knapp 4,5 Punkte. Wenn CDU/CSU zwei bis drei Punkte zulegen können und die SPD zwei bis drei Punkte verliert, dann ist die Union auf eins und die SPD nur noch auf Rang zwei, was enorme Auswirkungen auf die Regierungsbildung haben kann.

Der gesamte Wahlkampf dreht sich nur um die noch nicht fest Entschlossenen

Diejenigen, die fast hundertprozentig hinter der SPD oder hinter Scholz stehen, können in so einem TV-Triell ohnehin niemals umgestimmt werden. Ebenso die hundertprozentigen Baerbock- und Grünen-Anhänger respektive die hundertprozentigen Unions- und Laschet-Anhänger. Diese Personen sind im Wahlkampf auch nicht die Zielgruppe. In diesem geht es primär

  • a) um die noch Unentschlossenen, die noch gar keine klare Tendenz haben,
  • b) um die, die nur eine leichte Tendenz haben, die aber noch nicht unumstößlich ist, sowie
  • c) um diejenigen, die eigentlich gar nicht wählen wollen, die aber noch umgestimmt werden können, bei denen ihre Nichtteilnahme an der Wahl also noch nicht sicher feststeht, die mithin noch mobilisiert werden können.

Diese drei Gruppen entscheiden die Wahl, um diese Personen geht es. Die anderen, die fest Entschlossenen spielen in der jetzigen Phase im Grunde kaum eine Rolle, es sei denn als Multiplikatoren, die auf die drei entscheidenden Gruppen einwirken und deren Entscheidung noch beeinflussen können. Und hier, bezogen auf die entscheidenden Gruppen (a) bis (c), konnte Laschet im zweiten Triell durchaus einiges bewegen, wenn auch nicht genug, um die Union wieder vor die SPD zu schieben.

Solche Zahlen bräuchte es auch für das dritte Triell von gestern Abend. Ich weiß nicht, ob es die irgendwo gibt. Ich habe bisher noch keine gesehen. Die Forsa-Erhebungen (ohnehin kein erstklassiges Institut) kann man hier vergessen. Sollte ich solche Zahlen, vorher – nachher, noch finden, werde ich sie hier nachreichen und einfügen.

Frank Lübberding in der FAZ

Ganz ähnlich analysiert es heute auch Frank Lübberding in der FAZ:

„Genauso unzulänglich war die vom Sender veröffentlichte Forsa-Umfrage unter den TV-Zuschauern. Dort ging Scholz mit klarem Abstand als Sieger hervor, gefolgt von Laschet und Baerbock. Nur sind seine Persönlichkeitswerte von seiner abgeschlagenen Konkurrenz wenige Tage vor der Wahl gar nicht mehr einzuholen. Das Ergebnis war somit zu erwarten. Bedeutsam wäre diese Umfrage nur unter zwei Bedingungen gewesen: Wenn man die Zuschauer nach ihrer Kandidatenbewertung vor dem Triell gefragt hätte. Aus der Differenz hätte man etwas über die Performance der Kandidaten erfahren. Subjektiven Eindrücke von uns journalistischen Beobachtern sind dagegen irrelevant. Außerdem wären die Bewertungen jener Zuschauer interessant gewesen, die sich noch nicht entschieden haben, vielleicht nicht einmal wissen, ob sie überhaupt wählen werden. Von denen hängt der Wahlausgang ab – und nicht von Aktivisten auf Twitter, die der Welt ihre schon vor Jahren abgeschlossene Meinungsbildung mitteilen.“

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