BKA bewertet Hanau-Tat als „eindeutig rechtsextremistisch“ und „rassistisch motiviert“

Von Jürgen Fritz, Di. 31. Mrz 2020, Titelbild:  YouTube-Screenshot

Am Abend des 19. Februar 2020 erschoss der 43 jährige Tobias R. in Hanau in zwei Shisha-Bars bzw. in deren unmittelbarer Nähe neun Menschen, acht Männer, eine Frau. Seine Opfer wählte er dabei gezielt aus: sie alle hatten einen Migrationshintergrund. Etwas später erschoss er dann seine Mutter und sich selbst. Die Süddeutsche Zeitung, der WDR und NDR meldeten nun vor drei Tagen, das BKA sei der Ansicht, dies sei zwar eine rechte Tat gewesen, Tobias R. aber kein rechter Täter. Dazu äußerte sich heute der Präsident des Bundeskriminalamtes Holger Münch durchaus etwas anders.

Schizophrenie + narzisstische Persönlichkeitsstörung + rechtsextremistische Vernichtungsphantasien

Vor der Tat hatte Tobias R. auf seiner Homepage nicht nur mehrere Videos, sondern auch ein 24-seitiges Dokument eingestellt, in dem der gelernte Bankkaufmann krude Verschwörungsphantasien zum Besten gab: Ein Geheimdienst überwache ihn seit frühester Kindheit, diese „Geheimorganisation“ würde sich in sein Gehirn „einklinken“ und seine Gedanken lesen. Psychiater sind sich wohl weitgehend einig, dass Tobias R. (wahrscheinlich schon seit Jahren) an einer chronifiziert schizophrenen Psychose mit schweren Wahnvorstellungen litt. Hinzu kam in seinem Fall wohl noch ein ausgeprägter Narzissmus, eine schwere narzisstische Persönlichkeitsstörung (Mangel an Empathie, Überschätzung der eigenen Fähigkeiten und gesteigertes Verlangen nach Anerkennung).

Das scheint weitgehend unstrittig. Nun schrieb Tobias R. aber auch, gewisse „Volksgruppen, Rassen und Kulturen“ seien „in jeglicher Hinsicht destruktiv“ und müssten daher „komplett vernichtet“ werden. Und das ist nun eindeutig rassistisch und rechtsextremistisch. Und das Manifest enthält noch härteren Tobak. Tobias R. verbreitet neben seinen Verschwörungsphantasien auch massive faschistoide Vernichtungsvorstellungen gegen „destruktive Völker“ mit „mehreren Milliarden“. Deutschland sei dagegen ein Land, „aus dem das Beste und Schönste entsteht“. Aber auch hier sei „nicht jeder, der heute einen deutschen Pass besitzt, reinrassig und wertvoll“. Auch das sind wieder zutiefst rassistische, rechtsextremistische, ja faschistische Vorstellungen.

SZ, WDR, NDR: Rechtsextremismus sei laut BKA nicht der dominierende Aspekt der Weltanschauung

Weiter bereichten SZ, WDR und NDR unter Berufung auf die BKA-Ermittlungen, dass mehr als hundert Videodateien auf dem Computer und Handy des Attentäters sichergestellt worden seien, aber nahezu keine Aufnahme sei „tatrelevant“. So geben die genannten Medien den Stand der Ermittlungen des BKA wieder, von denen sie genau Bescheid zu wissen vorgaben.

Tobias R. habe demnach keine typisch rechtsextreme Radikalisierung durchlaufen. Darauf würden, so SZ, WDR und NDR, auch Zeugenaussagen von Bekannten und ehemaligen Kollegen hindeuten. So soll R. nicht durch rassistische Äußerungen oder Verhalten aufgefallen sein. Einem Nachbarn, einem dunkelhäutigen Mann mit Behinderung, soll er mehrmals geholfen haben. Zudem habe er in einer Fußballmannschaft gespielt, deren Spieler überwiegend Migrationshintergrund haben würden.

Für die Ermittler seien dies Indikatoren dafür, dass Rechtsextremismus nicht der dominierende Aspekt der Weltanschauung des Täters gewesen wäre. Vielmehr habe er sich in eine Verschwörungsphantasie hineingesteigert und so eine Paranoia entwickelt. Sein Manifest endet mit den Worten: „Aus all den genannten Gründen blieb mir also nichts anderes übrig, so zu handeln, wie ich es getan habe, um die notwendige Aufmerksamkeit zu erlangen.“

BKA korrigiert heute die Berichte von SZ, WDR und NDR

Mit Genugtuung hatten einige AfD-Politiker den SZ- und WDR-/NDR-Bericht aufgenommen. Denn von Gegnern der zum Teil rechtsextremistischen AfD (Flügel)  wurde das Verbrechen von Hanau teilweise gezielt instrumentalisiert, um der AfD dergestalt Vorwürfe zu machen, sie sei mitverantwortlich für diese Tat, weil sie das geistige Klima hierfür bereitet hätte.

Der „Ehrenvorsitzende“ der AfD Alexander Gauland , der als AfD-Fraktionsvorsitzender im Bundestag und Parteivorsitzender selbst jahrelang seine schützende Hand über den rechtsextremistischen Flügel gehalten hatte, fühlte sich nun in der Haltung bestätigt, dass die „Altparteien“ die Tat „instrumentalisiert“ hätten: „Der Täter war kein rechtsextremer Terrorist, sondern ein geisteskranker Amokläufer“, schrieb Gauland (als ob eine Geisteskranker nicht rechtsextremistische Vorstellungen haben könnte) und „fordert die Beteiligten auf, sich bei der AfD offiziell zu entschuldigen“.

Der Präsident des Bundeskriminalamtes Holger Münch stellte nun heute klar, dass das, was SZ und WDR/NDR berichtet haben, weder seine Auffassung sei noch die seiner Ermittler:

»Das BKA bewertet die Tat als eindeutig rechtsextremistisch. Die Tatbegehung beruhte auf rassistischen Motiven«,

schreibt Münch heute auf Twitter. Und den „angeblichen Abschlussbericht“ , von dem SZ, WDR und NDR berichtet haben, gebe es derzeit gar nicht.

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Münch hat nur die Tat rubriziert, nicht den Täter

Dies ist jedoch nur eine Aussage über die Tat (diese eine spezielle Handlung), nicht über den Täter (Person) und deren Weltanschauung, was in dieser dominant war. Und dass eine Schizophrenie mit Wahnvorstellungen (+ narzisstische Persönlichkeitsstörung) und Rechtsextremismus sich gegenseitig nicht ausschließen, sondern ganz im Gegenteil dieser sich auf jene drauf setzen kann, habe ich hier bereits versucht zu erläutern: Tobias R.: rechtsextrem oder schizophren oder rechtsextrem wegen seiner Schizophrenie?.

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