Der Lügenäther wird immer dichter: „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“

Von Jürgen Fritz, So. 02. Aug 2020, Titelbild: YouTube-Screenshot

„Der Lügenäther ist so dicht wie seit den Tagen des Kalten Kriegs nicht mehr“, sagte der Philosoph und vielleicht wichtigste Intellektuelle unserer Zeit Peter Sloterdijk im Januar 2016. Im Journalismus trete die „Verwahrlosung“ und die „zügellose Parteinahme allzu deutlich hervor“. Das Bemühen um Neutralität sei gering, „die angestellten Meinungsäußerer werden für Sich-Gehen-Lassen bezahlt, und sie nehmen den Job an.“ Seither ist nichts besser geworden, wie man auch gestern wieder bei der „Berichterstattung“ über die Großdemo in Berlin „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ sehen konnte. Und zwar hüben wie drüben.

„Das Ende der Pandemie –Tag der Freiheit“ und die „Berichterstattung“ (Propaganda) darüber

Die Dichte des Lügenäthers hat wohl eher noch zu-, denn abgenommen. Vielleicht ist sie auch gleich geblieben. Eine merkliche Besserung hat es auf jeden Fall seit Januar 2016 nicht gegeben und eine solche ist wohl auch nicht in Aussicht. Und das gilt übrigens für beide radikalen respektive extremen Seiten, für die hegemonialen Massenmedien, aber auch für die sogenannten „alternativen Medien“, die das Niveau der anderen auf Grund fehlender Ausbildung und Professionalität und fehlender finanzieller Mittel sogar meist noch unterschreiten.

Das zeigt auch die „Berichterstattung“ über die gestrige Großdemo in Berlin  „Das Ende der Pandemie –Tag der Freiheit“. Die einen picken sich die Bilder heraus, die sie haben wollen, um das zu suggerieren, was in ihre Ideologie passt. Sie versuchen, die Gegenseite mit allen Mitteln so lächerlich wir nur möglich zu machen, was hier zugegeben auch nicht sehr schwer ist. Sie zeigen vor allem das Schwenken von Reichsfahnen und lassen die größten Idioten zu Wort kommen, welche so einen Blödsinn von sich geben, dass es einem halbwegs normalen Menschen peinlich ist und er beginnt, sich fremd zu schämen. So soll die ganze Veranstaltung nicht nur in ein bestimmtes Licht getaucht werden, sie soll vollkommen und absolut gebrandmarkt werden: „Das sind alles Irre“. Sind sie zum Großteil wahrscheinlich auch, aber selbst Irre haben Anspruch auf faire Behandlung und Berichterstattung.

Und die „Gegendemonstranten“ sind bisweilen nicht sehr viel weniger von dem befallen von dem solche Demonstranten befallen sind, nur eben in eine andere Richtung. Sich auf der einen Seite sich die noch halbwegs Vernünftigen herauszupicken, auf der anderen Seite aber nur die Hyper-Irren, entspricht weder dem Gebot der Fairness noch dem Anspruch des Rezipienten wahrheitsgetreu und halbwegs objektiv informiert zu werden.

Anschließend lässt man genauso lang „Omas gegen rechts“ zu Wort kommen, die teilweise ähnlichen Blödsinn von sich geben, aber da pickt man sich wohl die am wenigsten Schlimmsten heraus. Und hier gibt es natürlich überhaupt keine kritischen Rückfragen, nicht mal wenn eine Oma Rosa Luxemburg zu zitieren versucht und meint, das stünde doch im Grundgesetz. Ob sie meint, Frau Luxemburg hätte das Grundgesetz verfasst, werden wir nie erfahren. Eine Rückfrage wäre vielleicht interessant gewesen.

Wie steht es mit dem Gleichheitsgrundsatz nach Art. 3 Grundgesetz?

Auch keine kritischen Fragen an Polizei, Spitzenpolitiker und Regierungsvertreter: Wieso wurden denn gestern Versammlungen aufgelöst, weil die Hygienvorschriften nicht eingehalten wurden, bei den „Anti-Rasissmus-Demos“ mit ebenfalls tausenden Teilnehmern und bei großen Hochzeitsveranstaltungen von Clans aus einem bestimmten Kulturkreis, wo teilweise hunderte Leute teilnahmen, welche die Hygienvorschriften auch nicht einhielten, wurde aber nichts aufgelöst? Wie kann das denn sein? Wie verhält sich diese extreme Ungleichbehandlung zu Artikel 3 des Grundgesetzes, dem Gleichheitsprinzip.

Gibt es aus staatlicher Sicht jetzt schon gute, gebilligte Demos, weil das propagierte Demonstrationsziel der linksradikalen Agenda entspricht, und schlechte Demos, weil das das dort Propagierte der Staatsgewalt nicht gefällt? Inwiefern ist das mit dem Grundgesetz und den Menschenrechten vereinbar? Steht die Regierung und stehen die staatlichen Organe denn wirklich noch zu hundert Prozent auf dem Boden des Grundgesetzes oder gibt es hier bereits deutliche Abweichungen?

Wer, welches M-Medium hat solches gefragt und Polizei und Regierende in die Zange genommen? Warum geschieht das nicht? Vielleicht weil die meisten weit nach neulinks gerutschten M-Journalisten selbst schon lange nicht mehr auf dem Boden des Grundgesetzes stehen und die Regierenden genau in ihre Richtung von diesem herunterziehen wollen?

Anti-Rassismus-Demo Berlin am 06.06.2020

Anti-Rassismus-Demo am 06.06.2020 in Berlin, YouTube-Screenshot

Die Durchseuchung der M-Medien mit Neuen Linken, die meinen, eine eingebaute Vorfahrt zu haben

Machen wir uns nichts vor, die M-Medien (Massen-, Mainstream-, Merkel-nahen Medien) sind weitgehend, wahrscheinlich zu über 80 Prozent, wenn nicht deutlich mehr, von Neuen Linken durchseucht, wenn Sie mir den Ausdruck gestatten. Und Neue Linke sind wie früher Mercedes-Fahrer, die glaubten, eine eingebaute Vorfahrt zu haben. Das Denken in formalen Prinzipien, dass es zum Beispiel  Regeln gibt, die für alle gleich gelten, unabhängig vom Auto (rechts vor links, Vorfahrsstraße, an der Ampel bei grün fahren, bei rot halten) und niemand eine eingebaute Vorfahrt hat, dass Hygieneregeln bei Demos oder Clan-Hochzeiten für alle gleich zu gelten haben (Art. 3 GG: Gleichheitsprinzip), unabhängig davon, ob man selbst das für völlig bescheuert hält, wofür demonstriert wird, es vielleicht sogar völlig bescheuert ist, oder ob man es für höchst sinnvoll hält, dieses Denken in einfachen formale Operationen, hätte Jean Piaget gesagt, übersteigt vielfach schon das Reflexions- und Selbstreflexionsvermögen der Neuen Linken.

Und die sitzen längst weit mehrheitlich in nahezu allen Redaktionen der M-Medien, ja mehr noch: Es wird sogar kaum noch eine Abweichung zugelassen. Wer sich gegen die neulinke Ideologie stellt, riskiert nicht selten seinen Job, damit seine wirtschaftliche Existenz.

Während alte Linke, wie John Locke, Voltaire, David Hume, Immanuel Kant, John Stuart Mill und viele andere zum Teil hochintelligente und sehr um Moralität und Fairness bemühte Leute waren, gibt es klares, unideologisches und faires Denken bei den Neuen Linken quasi überhaupt nicht mehr. Den Geist des Grundgesetzes können viele von ihnen wohl gar nicht mehr erfassen, weil es ihnen an der philosophischen und geistesgeschichtlichen Bildung mangelt. Sie lesen die Worte, können deren Sinn aber nicht mehr erschließen. Da ist fast nur noch Gefühl, Ideologie (falsches, verblendetes Bewusstsein und je eigene Lebenslügen) und jede Menge kaum reflektierte, kaum gerechtfertigte Überzeugung und Fanatismus. So die Überzeugung, dass die Vorfahrt im eigenen Auto ganz fest eingebaut ist, während alle anderen keinen Mercedes fahren, so dass die immer zurückstehen müssen, sofern sie überhaupt noch fahren dürfen, während sie selbst, die Neuen Linken, immer Vorfahrt haben, einfach weil sie sie sind.

Die wenig professionellen, völlig unkritischen und noch einseitigeren „alternativen Medien“

Die anderen, die „Alternativen“ – in dem Wort soll mitschwingen: Wir sind mindestens genauso gut, eigentlich besser, insofern wäre eigentlich der Ausdruck: „unprofessionelle Medien“ oder„völlig unkritische Medien“ oder „noch einseitigere Medien“ passender, aber bleiben wir bei der Selbstbezeichung: die „alternativen Medien“ – berichten ebenfalls vollkommen unkritisch über die Veranstaltung. Sie lassen halbwegs normale Leute zu Wort kommen, stellen immer die gleichen Fragen, darunter keine einzige kritische, ja nicht einmal eine Rückfrage, was mit all diesen immer gleichen Phrasen überhaupt gemeint ist.

Schon das würde zeigen, dass die meisten gar nicht mal erklären können, was sie da reden. Denn viele haben nicht nur wenig Ahnung von der Materie, also dem, worüber sie reden, sie wissen nicht einmal, was sie sagen. Das könnte man mit einfachen Rückfragen aufzeigen: „Was meinen Sie mit Freiheit? Dass jeder tun und lassen kann, was er will? Auch die Eltern mit ihren Kindern? Auch HIV-Infizierte, die keine Kondome benutzen wollen und dem, mit dem sie kopulieren, nichts von ihrer Infektion sagen? Wo finden den Freiheitsrechte ihre Grenzen? Könnte das hier so ein Fall sein? Können Sie das ausschließen? Wie können Sie sich so sicher sein, dass hier kein solcher Fall vorliegt? Woher haben Sie Ihre Informationen über die Materie?“ Usw. usf.

Viele Anti-Corona-Demonstranten wissen nicht einmal genau, was sie reden

An solchen Fragen haben die „Alternativen“ natürlich keinerlei Interesse, genauso wenig wie die neulinken M-Medien bei ihrer Klientel ein Interesse haben, dem Gesprächspartner wirklich auf den Zahn zu fühlen. Die A-Medien versuchen natürlich etwas ganz anderes: Sie wollen sehr durchsichtig, diese „Freiheitsdemonstranten“ – andere würden sagen: Halb-Irre, Ganz-Irre und Hyper-Irre – auf doch eher plumpe Weise als Helden stilisieren und blenden völlig aus, was für eine Klientel hier eben auch oder sogar zum Großteil mitmarschiert, Stichwort Rechtsextremisten, Reichsbürger, Libertäre und Leute, die leugnen, dass es SARS-CoV-2 überhaupt gibt, oder behaupten, das Virus sei vollkommen harmlos („Ist wie eine Gripe“), die Pandemie sei längst vorbei (auf die Idee, sich mal die Infektions- und Todesfallzahlen in den anderen 200 Ländern der Erde anzuschauen, kommen diese Genies natürlich nicht) oder von Zwangsimpfungen faseln – Verschwörungsgläubige.

Stephan Protschka AfD

Verschwörungsgläubige gibt es über die AfD auch im Deutschen Bundestag, Twitter-Screenshot

Wenn gar nichts mehr geht, muss bei diesen Leuten immer die große Weltverschwörung her, und bei manchen geht halt immer gleich gar nichts mehr. Wobei diese unterschiedlichen Aussagen sich ja schon in sich widersprechen: Wenn es das Virus gar nicht gibt, dann ist es nicht harmlos und die Pandemie ist nicht vorbei, sondern es gab nie eine: „Was denn nun, gibt es SARS-CoV-2 gar nicht oder ist es harmlos oder ist es wieder abgeebbt? Ihr Nachbar hier sagte aber gerade was anderes und der nebendran sagte wieder was anderes, wer von Ihnen hat denn jetzt Recht?“

Wieso ziehen denn bei Corona die Regierungen aller Länder mit, wenn es doch gar keine reale Gefahr gibt, wie haben die sich abgesprochen?

Einig ist man sich wohl nur darin, dass man „seine Freiheit“ zurückhaben wolle und seine Grundrechte und dass die Regierungen aller Länder der Welt die Pandemie nur nutzen wollten, um das arme Volk zu unterdrücken. Auch da keine Nachfrage. Welche Grundrechte werden denn eingeschränkt und was steht denn im Grundgesetz, das einige sogar in der Hand halten oder auf ihr T-Shirt gemalt haben? Wann dürfen denn Grundrechte eingeschränkt werden? Nichts keine einzige kritische Frage.

Auch keine Frage, wie es denn sein kann, dass nahezu sämtliche Regierungen der Erde alle ähnlich verfahren. Haben die sich alle abgesprochen? Die Russen und die Chinesen mit den Deutschen und US-Amerikanern und Brasilianern und Afrikanern? Wo die sich doch sonst nie auf irgendetwas einigen können, nicht einmal innerhalb der EU. Aber da zieht plötzlich die gesamte Welt mit? Ist das nicht komisch? Wie haben die das denn hingekriegt? Haben sich da die Staatschefs von 200 Ländern alle heimlich getroffen, ohne dass irgendein Mensch das bemerkte? Wie stellten Sie sich das denn konkret vor, wie das abgelaufen sein soll?

Nichts. Kein einziger gedanklicher Anstoß. Aber genau das wollen „alternative Medien“ ja zumeist auch nicht, die noch viel unkritischer sind als die inzwischen zu 80 bis 90 Prozent völlig einseitigen M-Medien.

Der Lügenäther wird immer dichter und die jeweilige ideologische Burg muss nach außen hin abgeschirmt werden

Wobei zu betonen ist: Dieser ganze Irrsinn und die „alternativen Medien“ sind vor allem auch deshalb entstanden respektive so angewachsen, weil natürlich Millionen Menschen spüren, wie in den M-Medien gelogen oder betrogen wird, zumindest aber die Dinge systematisch permanent in eine Richtung zurecht gebogen werden und alles, was in diese gewünschte Richtung passt, zwei-, drei-, vier-, fünfmal berichtet wird, oft stundenlang, während alles, was nichts ins gewünschte neulinke Narrativ passt, einfach weggelassen oder maximal am kurz am Rande erwähnt wird, wodurch eine systematische Verzerrung zustande kommt, die manchmal sogar noch schlimmer sein kann als eine echte, plumpe Lüge, gegen die sich andere leichter zu wehren vermögen, indem sie den Lügner klarer überführen können.

Ja, in der Tat, der Lügenäther wird immer dichter. Eine Ideologie ist übrigens nichts anderes als das systematische Belügen von Menschen, die nach genau diesen Lügen dürsten und nichts anderes haben wollen, natürlich jede Seite ihre eigenen, so dass hier quasi eine perfekte Symbiose zustande kommt: Einer will etwas haben, der andere gibt ihm genau das, was jener hören will, quasi wie eine psychische, weltanschauliche Droge, so dass der Empfangende dem Gebenden, dem Dealer, zutiefst dankbar ist für das Geschenkte und der Geber sich dann davon ernähren und davon leben kann, manche sogar recht fürstlich, also auch wieder dankbar ist für seine Kunden, was beide ganz fest aneinander schmiedet.

So bildet sich mit der Zeit, weil jeder seine eigene weltanschauliche Droge vertickt, die mit den anderen nicht kompatibel ist, eine abgeschlossene Gruppe, hüben wie drüben. Da gibt es dann auch keine Vermittlung und keinen sinnvollen Dialog mehr, wenn beide Seiten null Interesse haben an Wahrheitsfindung, sondern jeder seine sorgsam gepflegten und gewollten Irrtümer, seine Ideologie liebt oder sogar von ihr lebt und sie daher mit allem, was er hat, zu verteidigen und abzuschirmen versucht, insbesondere gegen Fakten und Gedanken.

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