Thiem, Medvedev, Zverev … Wer hat das Zeug zur neuen Nr. 1?

Von Jürgen Fritz, Sa. 02. Jan 2021, Titelbild: Tennis-TV-Screenshots

Am 5. Januar beginnt die neue Tennissaison. Die letzten 17 Jahre haben drei Spieler das Herrentennis dominiert: Federer, Nadal und Djokovic. Doch das könnte sich ab 2021 allmählich ändern. Wer in der nächsten Generation hat das Zeug, auch bei den Grand Slam-Turnieren zu reüssieren und einen Angriff auf die Position 1 zu starten? Hierfür kommen diese Saison fünf Spieler unter 30 in Frage und mittelfristig einer, der noch keine 20 Jahre alt ist.

Federer, Nadal und Djokovic ist inzwischen enorm starke Konkurrenz erwachsen

17 Jahre lang haben drei Spieler das Welt-Tennis der Herren dominiert und die 2000er sowie die 2010er Jahre geprägt: Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic. 57 der letzten 69 Grand Slam-Titel (83 Prozent) gingen an die Big-Three. 16 mal in 17 Jahren stand einer dieser Drei am Ende der Saison auf Position 1 in der Weltrangliste. Nur Andy Murray konnte die absolute Dominanz der drei Überirdischen in der zweiten Jahreshälfte 2016 für einige Monate durchbrechen. Doch das könnte sich ab 2021 allmählich ändern. Denn erstmals gibt es in der nächsten Generation gleich mehrere Spieler, die das Potential haben, Major-Turniere zu gewinnen und in den nächsten Jahren die Führung in der Weltrangliste zu übernehmen. Insbesondere sechs Spieler stechen hierbei heraus.

Wenn wir uns zunächst auf das Jahr 2021 konzentrieren, so sind es vor allem fünf U30er, die den drei Oldies beim Kampf um die Grand-Slam-Titel schon jetzt gefährlich werden können: Dominic Thiem, Daniil Medvedev, Alexander Zverev, Andrej Rublev und Stefanos Tsitsipas. Alle fünf sind von ihrer Spielstärke her schon jetzt ganz nah dran an den drei Superstars des Tennissports.

Der 19-jährige Jannik Sinner scheint mir 2021 zwar noch nicht reif für einen Grand Slam-Titel, aber er ist in meinen Augen von den Spielern, die nach 1988 geboren sind, das größte Talent von allen. Seine Zeit wird, so er gesund bleibt, sicherlich noch kommen. Ihm traue ich aber durchaus zu, dass er dieses Jahr bereits in die Top-Ten vorstößt. Legt man nur die Ergebnisse der letzten 52 Wochen zu Grunde, so war Sinner (Jg. August 2001) bereits 2020 die Nr. 20 der Welt. Ganz am Ende des Jahres erreicht er Mitte November sein allererstes ATP-Finale beim D-Turnier in Sofia und gewann dies, errang somit seinen ersten Turniersieg auf der ATP-Tour. Er sollte 2021 weitere Titel einsammeln können, vielleicht auch schön bei höherrangingen Tournaments, zum Beispiel der 500er Serie (C). Bei den Grand Slam-Turnieren (A) sind es aber aus meiner Sicht nur acht Spieler, denen realistische Titelambitionen eingeräumt werden können.

Was ist von den Großen Drei 2021 und darüber hinaus zu erwarten?

Fangen wir zunächst bei dem Ältesten an. Roger Federer (Jg. August 1981), also genau 20 Jahre älter als Sinner, muss die Australian Open im Februar leider absagen, da die Regeneration nach zwei Eingriffen an seinem rechten Knie im Frühjahr und Sommer noch nicht so weit gediehen ist, dass er sich fit genug fühlt für ein Major-Turnier über zwei Wochen und sieben Runden à best of five. Generell dürfte es für Federer von den drei Oldies am schwersten werden, nochmals einen Grand Slam-Titel zu erringen und seinen Rekord auf 21 auszubauen. In Wimbledon sind seine Chancen wohl am besten und bei den Olympischen Spielen in Tokio wird er sicherlich auch versuchen, im sechsten Anlauf endlich die Goldmedaille im Herreneinzel zu holen. Aber seine Konkurrenz ist dieses Jahr wahrscheinlich stärker als je zuvor. Fazit: Federer ist alles zuzutrauen, auch mit fast 40 noch ein weiterer Grand-Slam-Sieg oder die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen. Für ihn wird es 2021 aber enorm schwer und sollte dies noch immer nicht seine letzte Saison sein, dann 2022 wohl noch schwerer.

Zum einen sind da natürlich seine zwei Dauerrivalen seit 2005 beziehungsweise seit 2007 Rafael Nadal (Jg. Juni 1986) und Novak Djokovic (Jg. Mai 1987). Beide sind noch immer stark genug, um die Grand Slam-Titel mitzuspielen und auch um die Nr. 1 der Weltrangliste.  Letzteres dürfte für Federer, der im August 40 Jahre alt wird, unmöglich sein. Bei den Australian Open ist Djokovic sicherlich sogar der Top-Favorit, bei den French Open, wenn er bis dahin gesund bleibt, Nadal. Und auch in Wimbledon, bei den Olympischen Spielen und bei den US Open gehören die beiden zu den Titelaspiranten. Djokovic dürfte auch die besten Chancen von allen haben, auch die Saison 2021 als Nr. der Welt abzuschließen. Gleichwohl lautete meine Prognose schon im November: Federer, Nadal und Djokovic werden ab jetzt nicht mehr drei oder alle vier Grand Slam-Titel eines Jahres unter sich aufteilen, sondern maximal noch zwei A-Turniere pro Saison gewinnen. Denn die Konkurrenz der folgenden fünf Spieler ist inzwischen einfach zu stark.

Dominic Thiem: der erste nach 1988 geborene Grand Slam-Sieger

Zunächst ist hier Dominic Thiem zu nennen (Jg. Sept. 1993). In der (wahren) Weltrangliste, welche nur die Ergebnisse der letzten 52 Wochen heranzieht, ist der Österreicher Ende 2020 und Anfang 2021 bereits die Nr. 2 der Welt, hat Nadal schon überholt. Er war vor allem der erste Spieler in der Geschichte, welcher nach 1988 geboren ist und ein Grand Slam-Turnier gewinnen konnte. Thiem hat also schon bewiesen, dass er auch ganz große Tournaments für sich entscheiden kann. Womit Thiem meines Erachtens am meisten beeindruckt, ist seine Bilanz gegen die Big Three in den letzten zwei Jahren (2019 und 2020). Diese sieht wie folgt aus:

  • Gegen Federer: 3 zu 0
  • gegen Nadal 3 zu 1 und
  • gegen Djokovic 3 zu 2

Das heißt, Thiem schlägt seit zwei Jahren die drei größten Tennisspieler aller Zeiten regelmäßig, hat eine Bilanz von 9:3 gegen diese, deren Ära in ihre letzte Phase gehen dürfte.

Weiter spricht für ihn, dass er bereits 28 Endspiele bei Grand Slam- und ATP-Turnieren erreichte und davon 17 gewann (61 Prozent). 17 ist von Federers 103 Turniersiegen, von Nadals 86 und Djokovics 81 zwar noch sehr weit entfernt, kann sich aber für den 27-Jährigen sehen lassen. Und die 61 Prozent-Siegquote in Endspielen ist gut. Thiem beweist also seit nunmehr sechs Jahren, seit 2015, dass er Turniere gewinnen kann, länger und mehr als alle anderen Angreifer. Doch dabei fällt bei dem Österreicher etwas auf.

Bei C- und D-Turnieren ist seine Bilanz mit 19 erreichten Finals, von denen er 15 gewann (79 Prozent) überragend, 15:4-Bilanz. Betrachtet man aber die A- und B-Turniere, also die Grand Slam-Tournaments (A), die ATP-Finals (B+) und die Masters 1000-Serie (B), so sieht es etwas anders aus. Hier erreichte er 9 mal ein Endspiel, gewann aber nur 2, hat bei den großen Turnieren also eine 2:7-Endspiel-Bilanz (22:78 Prozent). Das ist ausgesprochen schwach. Insbesondere hat er bereits 3 von 4 Grand Slam-Finale und seine beiden ATP-Finals-Endspiele verloren. Das heißt, Thiem hat es bei den großen Turnieren bislang nur selten geschafft, sein exzellentes Spiel bis zum Ende durchzuziehen und dann wirklich auch den Titel zu holen. Dies könnte eine Kopfsache und eine Frage der Jahresplanung und Vorbereitung sein. Thiem muss lernen, seine Bestform am Ende der großen Turniere abzurufen, nicht vorher, wenn er weitere Grand Slam-Turniere gewinnen und die Nr. 1 der Welt werden will.

Ihm selbst sind weitere Grand Slam-Titel derzeit übrigens wichtiger als jetzt schon die Nr. 1 zu werden, wie er kürzlich sagte. Beides wäre bei ihm aber möglich. Sowohl bei den am 8. Februar beginnenden Australian Open als auch bei den French Open gehört er zu den drei, vier absoluten Top-Favoriten. Wenn Thiem es schafft, sich mehr auf die A-Turniere zu konzentrieren und wenn er da mental, insbesondere nervlich noch stärker wird, könnte er auch Djokovic dieses Jahr schon angreifen im Kampf um die Position 1 im Herrentennis.

Daniil Medvedev: der Mann für die besonderen Momente und ATP Finals-Sieger 2020

Kommen wir zu dem Spieler, der zusammen mit Thiem bei den ATP-Finals im November 2020 überragend spielte, wie der Österreicher sowohl Djokovic als auch Nadal schlug und dann sogar das Turnier im Endspiel gegen Thiem gewann: Daniil Medvedev. Der Russe (Jg. Febr. 1996), gehört seit August 2019 zur absoluten Weltspitze. Bis Juli des vorletzten Jahres spielte er schon ganz ordentlich, hatte sich in der 52 Wochen-Weltrangliste bereits auf Rang 10 vorgespielt. Dann aber startete er im August 2019 eine sensationelle Serie, erreichte bei sechs Turnieren in Folge jedes mal das Finale, so auch bei den US Open, und gewann drei davon, insbesondere zwei Masters 1000-Tournaments (B).

Nach diesen elf Wochen wie aus dem Bilderbuch folgte dann aber eine Flaute von 52 Wochen, in denen er kein einziges Endspiel mehr erreichte. Erst gegen Ende der letzten Saison war er plötzlich wieder voll da, gewann nacheinander in äußerst beeindruckender Manier die zwei letzten großen Turniere 2020 in Paris-Bercy (B) und dann die ATP-Finals (B+) in London. Damit hat Medvedev nun zusammen mit Zverev unter den jüngeren Spielern die meisten großen Titel, nämlich vier. Beide haben die ATP-Finals gewonnen und jeweils drei Masters 1000-Turniere. Zum Vergleich: Thiem hat bislang nur 2 große Titel, Tsitsipas einen, Rublev und Sinner null.

Damit sind wir auch schon bei der großen Stärke des Russen, der nächsten Monat 25 Jahre alt wird. Medvedev schaffte es bislang zwar nicht, eine Saison einigermaßen konstant auf höchstem Niveau durchzuspielen, aber er ist der Mann für die besonderen Momente. Was Thiem so ein bisschen fehlt, das hat Medvedev. Kommt er bei den großen Turnieren erst mal ins Endspiel, dann ist er voll da. Seine Bilanz dort: 4-2. Er gewinnt bei A- und B-Turnieren im Finale also nicht wie Thiem nur 22, sondern 67 Prozent. Bei C- und D-Turnieren ist seine Endspiel-Bilanz 5-4 (knapp 56 Prozent Sieg-Quote). Medvedev ist also bei größeren Turnieren im Finale stärker als bei kleineren. Das nennt man Champions-Gen. Wenn er es schafft, seine Leistungen zu konsolidieren und zu stabilisieren, dann sollte er auf jeden Fall seinen ersten Grand Slam-Titel holen können dieses Jahr. Eventuell könnte er auch Djokovic (oder Nadal?) und Thiem im Kampf um die Nr. 1 herausfordern.

Alexander Zverev: die Wundertüte (ATP Finals-Sieger 2018)

Der erste Grand Slam-Sieg ist eigentlich auch fällig, wenn nicht überfällig bei Alexander Zverev. Obschon erst 23 Jahre alt (Jg. April 1997), ist er schon seit dreieinhalb Jahren durchweg in den Top-Acht der Welt, war zeitweise sogar schon die Nr. 3. Bereits 2016 gewann er mit nur 19 Jahren sein erstes ATP-Turnier in Petersburg (D). 2017 folgten fünf Turniersiege, darunter zwei B-Turniere (Masters 1000). Und 2018 holte er vier Titel, darunter ein weiteres B-Turnier und die ATP Finals (B+). Mit 21 Jahren hatte er also schon vier große Titel geholt, darunter den wichtigsten von allen nach den vier Grand Slam-Events. Doch dann folgte eine eher schwache Saison 2019 mit nur einem D-Turniersieg. In der Weltrangliste fiel der Deutsche von 4 auf 7 zurück.

Insbesondere bei den Grand Slam-Turniere kam Zverev bis 2019 niemals über das Viertelfinale hinaus, schied meist sogar schon früher aus. Das sollte sich 2020 nun endlich ändern. Zuerst erreichte er bei den Australian Open im Januar das Halbfinale, wo er gegen Thiem verlor, dann bei den US Open im September sogar das Endspiel, wo er wieder gegen Thiem verlor, dieses Mal sogar nach 2:0 Satzführung. Und im Oktober gewann er dann die zwei D-Turniere in Köln. Zverev scheint sehr nah dran zu sein an seinem ersten Grand Slam-Sieg, aber er ist zugleich sehr schwer einzuschätzen, schwerer als die meisten anderen. Von seinem Talent her sollte er eigentlich auch A-Turniere gewinnen können.

Dass er große Turniere gewinnen kann, hat er seit 2017 ausreichend unter Beweis gestellt. Hier kann nur Medvedev mit ihm mithalten, der ebenfalls vier große Turniere gewinnen konnte, genau wie Zverev drei B-Turniere und die ATP-Finals (B+). Bei Zverev gibt es die letzten zwei Jahre aber immer wieder Probleme im privaten Umfeld, zunächst mit dem Manager, dann mit Ex-Partnerinnen. Auch bei der Adria-Tour während der Corona-Pause machte er alles andere als eine gute Figur. Diese Dinge drohen ihn aus der Konzentration zu bringen. Bekommt er in sein privates Umfeld mehr Stabilität, sollte Zverev dieses oder nächstes Jahr endlich auch ein Grand Slam-Turnier gewinnen können. Zur Nr. 1 wird es dieses Jahr meines Erachtens aber noch nicht reichen.

Andrey Rublev: der Aufsteiger des Jahres 2020

Der junge Russe (Jg. Okt. 1997) spielte 2020 eine überragende Saison, gewann mehr Einzel-Turniere als jeder andere (5), sogar mehr als Djokovic (4 plus den ATP-Cup mit Serbien) und genau so viele Matches wie dieser, nämlich 41. Zum Vergleich: Thiem kam gerade auf 25 Siege in 2020. Bezogen auf die letzten 52 Wochen, also die Saison 2020, war Rublev der sechstbeste Spieler der Welt, nach Djokovic, Thiem, Nadal, Medvedev und Zverev.

Gleich zu Jahresbeginn 2020 gewann der Rotschopf im Januar die zwei D-Turniere in Doha und Adelaide direkt nacheinander. Nach der langen Corona-Spielpause von fast 25 Wochen folgten im September bis Anfang November drei C-Turniersiege in Hamburg auf Sand, wo er Tsitsiaps im Finale schlug, in St. Petersburg und in Wien, wo er im Viertelfinale den leicht angeschlagenen Thiem besiegte, den er auch zum Jahresabschluss bei den ATP Finals schlug. Bei den drei durchgeführten Grand Slam-Events erreichte er in Australien das Achtelfinale, bei den US Open und den French Open jeweils das Viertelfinale.

Der 23-Jährige erreichte in seiner Karriere bislang 9 Endspiele auf der ATP-Tour, diese allerdings ausschließlich bei C- und D-Turnieren (500er und 250er Serie), noch nie bei einem A- oder B-Turnier (Grand Slam, ATP Finals, Olympische Spiele, Masters 1000). Seine Endspiel-Bilanz bei den kleineren Turnieren von 7-2 kann sich aber mehr als sehen lassen. Wenn er mal im Finale eines Turnieres stand, dann gewann er dieses in 78 Prozent der Fälle. Das ist überragend!

Rublev wird sich sicherlich in den Top-Acht etablieren können. Weitere Turniersiege werden dieses Jahr folgen, vielleicht auch erstmals bei einem B-Turnier. Ob er auch schon ein Grand Slam-Event für sich entscheiden kann oder gar die Nr. 1 der Welt werden, glaube ich für 2021 eher noch nicht, aber er könnte auch bei den Majors bereits ein harter Konkurrent für die anderen werden. Ähnliches gilt für …

Stefanos Tsitsipas: der ATP Finals-Sieger 2019

Der Grieche (Jg. Aug. 1998) ist der jüngste Top-Ten-Spieler. Seit Anfang März 2019 steht er ununterbrochen unter den ersten Zehn der Weltrangliste, schloss die Saison 2020 als siebtbester Spieler ab, gewann aber nur ein einziges Turnier und zwar eines der 250er Serie (D-Kategorie). Insgesamt erreichte der 22-Jährige bislang 12 Endspiele, von denen er aber 7 verlor (58 Prozent). Seine Endspiel-Bilanz lautet 5-7 (42-58 Prozent). Ihm fehlt also öfter der letzte Schritt.

Und vier seiner fünf Turniersiege waren bei D-Turnieren. Nur ein einziges Mal konnte er bei einer höherwertigen Event reüssieren: bei den ATP-Finals 2019, wo er Medvedev, Zverev, Federer und im Endspiel Thiem schlug, nur gegen Nadal in der Gruppenphase verlor. Diesem Triumph folgte aber 2020 nichts annähernd Vergleichbares. Bisher erreichte er nur bei drei B-Turnieren das Endspiel (inklusive den ATP Finals = B+), verlor davon dann aber zwei. Seine Endspiel-Bilanz bei B-Turnieren lautet also: 1-2.

Bei den vier Grand Slam-Turnieren kam er bei 15 Starts nur viermal über die dritte Runde (32er Runde) hinaus und nur zweimal über das Viertelfinale. Anfang 2019 erreichte er bei den Australian Open das Halbfinale, ebenso im Oktober 2020 bei den French Open, wo er nach tollem Spiel im fünften Satz gegen Djokovic verlor. Tsitsipas gehört klar zu den acht Besten der Welt, der ganz große Durchbruch ist ihm aber abgesehen von seinem Überraschungssieg bei den ATP Finals im vorletzten Jahr noch nicht gelungen.

Der 22-jährige Grieche hat alle großen Spieler schon geschlagen: Zverev schon fünfmal (Bilanz: 5-1), Rublev dreimal (3-2), Federer schon zweimal (Bilanz: 2-2), Djokovic ebenfalls schon zweimal (Bilanz: 2-4), auch Medvedev (1-5) und Nadal (1-6) schon einmal. Eigentlich könnte er das Zeug haben, auch die ganz großen Turniere, die Majors zu gewinnen, aber dazu muss er sein Spiel noch etwas weiterentwickeln. Ich traue ihm das zu. Ob es 2021 bereits für einen Grand Slam-Sieg reichen wird, wird man sehen müssen. Ich sehe aber doch eher Djokovic, Nadal, Thiem und Medvedev, vielleicht auch Zverev ganz vorne. Zur Nr. 1 könnte es für Tsitsipas irgendwann schon reichen, aber noch nicht dieses Jahr. Da sind die fünf Genannten einfach noch stärker.

Zusammenfassung

Betrachten wir abschließend nochmal im Überblick, wer in seiner Karriere bei welchen Turnieren reüssieren konnte. Zunächst die drei Größten aller Zeiten:

  1. Roger Federer (39,3 Jahre alt): 157 Endspiele im Herreneinzel auf Grand Slam- und ATP-Niveau erreicht, davon 103 gewonnen (66 Prozent). Unter diesen 103 Turniersiegen sind 20 Grand Slam-Siege (Allzeitrekord zusammen mit Nadal), 6 ATP Finals-Titel (alleiniger Weltrekord) und 28 Siege bei Masters 1000-Events plus einmal mit der Schweiz den Davis Cup gewonnen, ergibt insgesamt 54 große Einzeltitel + 1 mal den größten Mannschaftstitel.
  2. Rafael Nadal (34,5 Jahre): 123 Finals im Herreneinzel gespielt, davon 86 gewonnen (70 Prozent). Unter den 86 Turniersiegen sind 20 Grand Slam-Siege (Allzeitrekord zusammen mit Federer), die Olympische Goldmedaille im Einzel (B+) und 35 B-Turniersiege plus 5 mal mit Spanien den Davis Cup gewonnen, ergibt zusammen: 56 große Einzeltitel + 5 ganz große Mannschaftssiege.
  3. Novak Djokovic (33,6 Jahre): 116 Endspiele im Herreneinzel, davon 81 gewonnen (70 Prozent). Unter den 81 Turniersiegen sind 17 Grand Slam-Titel (A), 5 ATP Finals-Siege (B+) und 36 B-Turniersiege (alleiniger Weltrekord) plus einmal mit Serbien den Davis Cup gewonnen, ergibt zusammen: 58 große Einzeltitel + 1 mal den größten Mannschaftstitel.

Nun zu den aus meiner Sicht sechs größten Herausforderern und Konkurrenten dieser Saison und – vor allem im Falle von Jannik Sinner – der nächsten Jahre:

  1. Dominic Thiem (27,3 Jahre): 28 Endspiele erreicht, davon 17 gewonnen (61 Prozent). Unter den 17 Turniersiegen sind 1 Grand Slam-Sieg und ein Sieg bei einem B-Turnier, insgesamt also 2 große Titel. Endspiel-Bilanz bei A- und B-Turnieren: 2-7 (22-78 Prozent), bei C- und D-Turnieren: 15-4 (79-21 Prozent). Bei Thiem fehlte bisher also bei den großen Turnieren oft nur der letzte Schritt. Das könnte er dieses Jahr eventuell ändern. Er scheint nun hierfür reif zu sein.
  2.  Andrey Medvedev (24,8 Jahre): 15 Endspiele erreicht, davon 9 gewonnen (60 Prozent). Unter den 9 Turniersiegen sind 1 mal die ATP Finals (B+) und 3 Siege bei B-Turnieren, insgesamt also 4 große Titel. Endspiel-Bilanz bei A- und B-Turnieren: 4-2 (67-33 Prozent), bei C- und D-Turnieren: 5-4 (56-44 Prozent). Wenn Medvedev so weiter spielt, wie Ende 2020, dann ist er einer der heißesten Anwärter auf den Titel bei den Australian Open und kann hier Djokovic herausfordern. Auch bei den US Open sollte er sehr gute Chancen haben.
  3. Alexander Zverev (23,6 Jahre): 22 Endspiele erreicht, davon 13 gewonnen (59 Prozent). Unter den 13 Turniersiegen sind 1 mal die ATP Finals (B+) und 3 Siege bei B-Turnieren, insgesamt also 4 große Titel. Endspiel-Bilanz bei A- und B-Turnieren: 4-5 (44-56 Prozent), bei C- und D-Turnieren: 9-4 (69-31 Prozent). Zverev kann auf jedem Belag sehr gut spielen und Turniere gewinnen. Um Major-Titel zu holen, muss er noch eine kleine Schippe drauflegen. Gelingt ihm das, könnte er dieses Jahr nochmals auf einer neuen Stufe durchstarten.
  4. Andrey Rublev (23,1 Jahre): 9 Endspiele erreicht, davon 7 gewonnen. Unter den 7 Turniersiegen sind 0 große Titel. Endspiel-Bilanz bei A- und B-Turnieren: 0-0, bei C- und D-Turnieren: 7-2 (78-22 Prozent). Rublev muss dieses Jahr beweisen, dass er dauerhaft zu den acht Besten der Welt gehört. Das traue ich ihm auf jeden Fall zu. In den nächsten Jahren ist dann sicherlich noch mehr drin.
  5. Stefanos Tsitsipas (22,3 Jahre): 12 Endspiele erreicht, davon 5 gewonnen (42 Prozent). Unter den 5 Turniersiegen ist 1 großer Titel, nämlich der Sieg bei den ATP Finals 2019. Endspiel-Bilanz bei A- und B-Turnieren: 1-2 (33-67 Prozent), bei C- und D-Turnieren: 4-5 (44-56 Prozent). Tsitsipas muss sich steigern, wenn er auch große und ganz große Titel holen möchte. Das sollte ihm auch gelingen. Ob schon dieses Jahr, wird man sehen müssen.
  6. Jannik Sinner (19,3 Jahre): Ein Endspiel erreicht bei einem D-Turnier und das gewonnen. Endspiel-Bilanz bei A- und B-Turnieren: 0-0, bei C- und D-Turnieren: 1-0. Für mich ist Sinner das größte Talent von allen Spielern der Jahrgänge ab 1990. Seine Zeit wird kommen, so er gesund bleibt. Meine Prognose: In 2021 wird er zwar noch kein Grand Slam-Turnier gewinnen, aber andere Turniere und er könnte sich dieses Jahr bereits in die Top-Ten hinein spielen.

Und raten Sie mal, wen der 34-jährige Rafael Nadal sich für die Quarantänezeit vor den Australian Open, wenn die Spieler eine Woche lang nur mit einem einzigen trainieren dürfen, als Partner geschnappt hat: den 19-jährigen Jannik Sinner.

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