Warum Kontaktbeschränkungen für alle unvermeidlich sein werden

Von Jürgen Fritz, Mi. 24. Nov 2021, Titelbild: Our World in Data-Screenshot

Zwar helfen die Impfungen insofern, dass viel weniger Infizierte schwer erkranken, aber die Zahl der Neuinfektionen ist inzwischen so hoch, dass der Impfeffekt durch die gewaltige Zahl derer, die sich Woche für Woche neu anstecken mehr und mehr überkompensiert wird.

Sieben-Tage-Inzidenz steigt auf über 440 – Der Impfschutz ist um einiges geringer als anfangs angenommen

Die Sieben-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner stieg laut Our World in Data und John Hopkins, die aktuellere Zahlen haben als das RKI, gestern auf über 443. (In der Graphik wird nicht auf 100.000 Einwohner rekurriert, sondern auf eine Million, daher sind die Zahlen dann zehnmal so hoch, weil der Bezugswert zehnmal so hoch ist).

Dabei gilt, wie wir inzwischen wissen: Der Impfschutz kann den anfangs angenommenen Wert von 90 bis 95 Prozent nicht sehr lange halten – bei älteren Personen zwei bis maximal vier Monate.

Die Delta-Variante fängt man sich wesentlich schneller ein und wenn man es sich eingefangen hat, ist das Risiko einer schweren Erkrankung auch noch höher

Und bei der zuerst in Indien aufgetretenen Delta Variante von SARS-CoV-2 (B.1.617.2) ist der Impfschutz von Anfang an um einiges geringer als 90 bis 95 Prozent (ca. 50 bis 88 Prozent).

Ferner gilt für die Delta-Mutante eine deutlich höhere Reproduktionszahl R (!). Bei der ursprünglichen Variante steckten 100 Infizierte ca. 250 andere an (R0 = 2,5). 100 mit der Delta-Variante Infizierte stecken dagegen fast 700 andere an (R0 = fast 7), also weit mehr als doppelt, fast dreimal so viele (!) Menschen an wie mit dem Wildtyp von SARS-CoV-2 Infizierte.

Die Dauer von der Ansteckung bis zum Nachweis der Viren ist dabei im Schnitt von sechs auf vier Tage verkürzt. Eine Studie aus China stellte fest, dass die Viruslast bei einer Delta-Infektion etwa 1200-mal höher war, als bei anderen VOC-Varianten von SARS-CoV-2. Die Delta-Variante könnte also in der Lage sein, sich schneller zu replizieren und ist wohl in den frühen Stadien der Infektion infektiöser als andere Varianten.

Das Risiko wegen eines schweren Krankheitsverlaufs von COVID-19 in ein Krankenhaus eingewiesen zu werden, ist bei einer Infektion mit Delta wahrscheinlich etwa doppelt so hoch wie bei einer Infektion mit der Alpha-Variante. Man fängt sich Delta also sehr viel schneller ein und wenn man es sich eingefangen hat, ist das Risiko einer schweren Erkrankung auch noch höher.

Impfen schützt auch bei Delta vor Infektionen, aber weit weniger als bei anderen SARS-CoV-2-Varianten – Das Todesfallrisiko sinkt aber drastisch

Impfungen verhindern Infektionen mit der Delta-Variante zwar mindestens in der Hälfte, vielleicht auch in bis bis zu 88 Prozent (unterschiedliche Studien kommen hier zu unterschiedlichen Ergebnissen), aber auf jeden Fall um einiges weniger als in 90 bis 95 Prozent der Fälle. Impfen hilft also auch bei Delta, aber es hilft weniger als bei anderen SARS-CoV-2-Varianten, um eine Infektion zu vermeiden.

Während eine Impfung mit Moderna oder Biontech die Zahl der Infektionen von 100 auf 5 bis 10 reduzierte, reduzieren selbst die besten Impfstoffe bei Delta nur von 100 auf um die 30, wenn wir einen Mittelwert von ca. 70 Prozent Wirksamkeit annehmen. 30 neue Infektionen sind natürlich sehr viel besser als 100 neue, aber das ist eben deutlich mehr als 5 bis 10. Genau das macht das Bremsen der weiteren Verbreitung so schwer.

Und was passiert nach der Infektion? Das Risiko, schwer krank zu werden oder zu sterben, ist im Mittel für ungeimpfte Personen sogar mehr als zehnmal höher als bei geimpften. Die Impfung hilft also deutlich vor schweren Erkrankungen und senkt das Todesfallrisiko beträchtlich. Aber: Im höheren Alter lässt die Schutzwirkung der Impfungen relativ schnell – nicht erst nach sechs Monaten – deutlich nach.

Impfungen werden die Verbreitungen von Delta kaum bremsen können, aber die Zahl der Hospitalisierungen

Hinzu kommt: Mit den bisherigen Impfstoffen, die für den Wildtyp entwickelt wurden, nicht für Delta, übertragen geimpfte Personen das Virus in ähnlichem Maße wie ungeimpfte, so die WHO bereits im August 2021. Der Selbstschutz der Impfung ist also auch bei Delta gegeben, aber deutlich geringer als bei dem Wildtyp (50 bis max. 88 Prozent Schutz statt 90 bis 95 Prozent).

Und der epidemiologische Effekt der Impfung (Fremdschutz) ist bei Delta nur sehr gering. Die Geimpften tragen Delta auch weiter und stecken andere an. Das heißt:

1. Impfen wird die Verbreitung des neuartigen Coronavirus und seiner Mutationen, insbesondere der Delta-Variante, nicht großartig verhindern können. Es hilft aber die schweren Erkrankungen deutlich zu reduzieren (Selbstschutz) und hilft damit zugleich die Krankenhäuser und die Menschen, die dort seit 20 Monaten immer wieder am Anschlag und teilweise darüber hinaus arbeiten, zu entlasten. Die können irgendwann nicht mehr.

Dies ist keine „Pandemie der Ungeimpften“, sondern eine Pandemie der gesamten Gesellschaft

2. Dies ist keine „Pandemie der Ungeimpften“, sondern eine Pandemie der gesamten Gesellschaft. Nochmals: Die Geimpften tragen die ausschlaggebende Delta-Variante ebenfalls sehr stark weiter.

Politiker versuchen nun, dem verständlicherweise sehr enttäuschten und zunehmend wütenden Volk in den Ungeimpften einen Sündenbock zu präsentieren, um den Unmut von sich selbst, den falschen Versprechungen und all den Fehlern, die über mehr als 20 Monate gemacht wurden, wegzulenken. Bitte da nicht mitmachen!

Wir sitzen alle in einem Boot. Sich impfen lassen, ist in den allermeisten Fällen gut a) für sich selbst (es gibt aber auch Ausnahmen, Kinder bis zu einem bestimmten Alter, bestimmte Vorerkrankungen) und b) ist es gut für die Gemeinschaft, weil es die Krankenhäuser, Ärzte, Pfleger entlastet.

Aber auch Geimpfte stecken andere an, die dann schwer krank werden, sowohl Ungeimpfte als auch Geimpfte. Ungeimpfte erkranken aber im Durchschnitt etwa zehnmal häufiger schwer an COVID-19 als Geimpfte. Da inzwischen aber viel mehr Menschen geimpft sind, diese Gruppe also mehr als doppelt so groß ist, machen die Geimpften auch immer mehr bei den schweren Erkrankungen in den Krankenhäusern aus, über 30 Prozent, teilweise schon fast die Hälfte.

An Kontaktbeschränkungen für alle wird kaum ein Weg vorbei gehen, eine Impfpflicht hilft dagegen im Moment gar nicht und ist auch langfristig fragwürdig

3. Angesichts dieser enorm hohen Neuinfektionswerte, die auch in den nächsten Tagen, aber hoffentlich nicht Wochen!, weiter steigen werden, wird – da auch Geimpfte das Virus weitertragen und andere anstecken – an Kontaktbeschränkungen für alle kein Weg vorbei gehen.

4. Eine Impfpflicht hätte auf diese vierte Welle (fast) keinerlei Auswirkungen, da sie ja erst nach Monaten eine Wirkung entfalten würde. Sie könnte höchstens bei der Vermeidung einer fünften sehr hohen Welle signifikant helfen.

Die Frage wird hier aber sein, a) ob dies nicht auch mit anderen, sehr viel klügeren, weniger autoritären Maßnahmen und mit ehrlicherer Kommunikation erreicht werden kann, sowie b) der Frage der Verhältnismäßigkeit, so stark in die Grund- und Menschenrechte einzugreifen und die Gesellschaft damit noch mehr zu spalten, wenn das Ziel auch mit anderen Mitteln erreichbar ist.

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