Wieso der Ausdruck „Panikmache“ völlig inadäquat ist und was dieser über den verrät, der ihn benutzt

Von Jürgen Fritz, Do. 23. Dez 2021, Titelbild: Abbildung in Charles Darwins Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren (1872), Adrien Tournachon, No restrictions, via Wikimedia Commons

Die Verwendung des Ausdrucks Panikmache im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie erscheint nicht nur als vollkommen deplatziert, sie deutet – und das ist das viel Schlimmere – auf ein grundsätzliches Defizit beim Verwender dieses Ausdrucks hin, der den sachlich-argumentativen Diskurs umgehen oder gar Verschwörungsthesen suggerieren will.

Sachliches Argumentieren ist schwer, Psychologisieren des Gegenübers dagegen viel leichter

Von hundert Menschen seien lediglich etwa zwanzig vernünftigen Argumenten spontan zugänglich, sagt der Hirnforscher Gerhard Roth. Wenn dem so ist, so bedeutet dies im Umkehrschluss: achtzig von hundert sind spontan vernünftigen Argumenten, sprich der Rationalität nicht oder kaum zugänglich. Gleichwohl wollen ja aber auch diese 80 Prozent mitreden. Ergo müssen sie auf andere Formen der Gesprächsführung ausweichen. Eines dieser Ausweichmanöver stellt die Psychologisierung des Gegenübers dar.

Rationales, vernünftiges, argumentativ-logisches Denken ist schwer. Psychologisieren dagegen fällt den meisten leicht. Weshalb? Weil sie Gefühle erlebnishaft ja doch deutlich besser kennen als Gedanken, Argumente und Argumentationen, die dem Bereich der höheren Seeleninstanz, dem Logos, zuzuordnen sind, der später entwickelt wird, so nur beim Menschen vorzufinden ist und nicht bei allen gleichermaßen stark ausgeprägt ist.

(Objektiver Gedanke = der propositionale Gehalt einer Aussage, ihr Sinn, die logische Bedeutung des Aussagesatzes. Die beiden Sätze „Dies ist meine Mutter“ und „This is my mother“ haben denselben propositionalen Gehalt, denselben Sinn, dieselbe Bedeutung. Welche subjektive Assoziationen sich beim Einzelnen bei dem Wort „Mutter“ dabei einstellen, ist für die objektive Wahrheit oder Falschheit des Satzes ohne jede Relevanz. Argument = mehrere Aussagesätze, bei denen die Konklusion logisch zwingend aus den Prämissen folgt. Argumentation = Kette von Argumenten, bei der die Konklusion aus Argument 1 als Prämisse in Argument 2, die Konklusion aus Argument 2 als Prämisse in Argument 3 fungiert usw.)

Argumentieren, sachlich-rationales Abwägen ist also schwer. Gefühle dagegen kennen wir von klein auf. Schon das Baby, ja sogar schon der Embryo fühlt etwas und das Kleinkind erschließt sich die Welt zunächst einmal fast ausschließlich fühlend.

Psychologisierung als strategisches Ausweichmanöver, um der sachlichen Erörterung zu entgehen

Was ist also das Einfachste, wenn man einem rationalen Diskurs, in dem objektive Gedanken, Argumente und Argumentationen ins Feld geführt werden, aus dem Weg gehen möchte? Man psychologisiert, indem man entweder auf die Motive des anderen abstellt und diese als unlauter darstellt, „der will doch nur …“, oder indem man eben auf seine Gefühle und Emotionen abstellt und behauptet zum Beispiel schlicht: Diese seien nicht angemessen, nicht adäquat. Damit geht die untergründige Behauptung einher, mit dem anderen würde psychisch (seelisch) etwas nicht stimmen. Er leide zum Beispiel unter einer Angststörung, beispielsweise Hysterie oder einer Phobie.

Besonders beliebt ist dieses strategische Ausweichmanöver, um Islamkritiker zu diskreditieren und der Erörterung zu entgehen, inwieweit diese metaphysisch-spekulative und zugleich Herrschaftsideologie mit den universalen Menschenrechten und unserer Verfassung, dem Grundgesetz kompatibel und inwieweit sie eine Gefahr für die freiheitliche Demokratie und den inneren Zusammenhalt unserer Gesellschaft ist. Diese Diskussion soll unter allen Umständen vermieden werden. Und wie könnte man das leichter tun, als jeden, der er es wagt, diese Weltanschauung kritisch untersuchen zu wollen, einfach der psychischen Störung zu bezichtigen, ihn also sofort massiv abzuwerten. Damit gibt man wenig subtil zu erkennen: Wer diese Weltanschauung kritisch beleuchtet und dabei zu keinem positiven Ergebnis kommt, wird als zumindest ein wenig psychisch gestört oder gar irgendwie als bösartig rubriziert und damit geächtet, weil er als von niederen Emotionen getrieben dargestellt wird. Dadurch soll eine abschreckende Wirkung erzeugt werden, die jeden sachlich-kritischen Diskurs, dem man sich nicht stellen möchte, mittels Einschüchterung unterbindet. Das Thema wird mithin tabuisiert, was den Idealen der Aufklärung völlig widerspricht.

Vom Grundsatz her Ähnliches geschieht bei der Verwendung des Ausdrucks „Panikmache“. Auch hier wird offensichtlich nicht auf der Sachebene erörtert, sondern es wird angedeutet, alle, die zu anderen Ergebnissen kommen als man selbst, leiden entweder unter einer Angststörung oder sie wollen gezielt in anderen übermäßige Ängste schüren, um so die freiheitliche Demokratie abzubauen oder dem eigenen Volk Böses zufügen. Oder bei den ganz Verrückten: Bill Gates wolle über die Impfungen, die er jahrelang vorbereitet hätte, alle Menschen mit einem Chip versehen.

Übertragung eigener Unzulänglichkeit auf die anderen und deren Pathologisierung als Abwehrmechanismus

Bei der Zuschreibung einer Angststörung wird unterstellt, dass eine reale (oder sogar eine eingebildete) Gefahr so intensive Angstgefühle in dem anderen auslösen würde, dass er völlig kopflos reagiere, dass seine Rationalität weitgehend aussetze und er zu vernünftigen Abwägungen gar nicht mehr fähig sei. Dabei ist es ja meist genau derjenige, der solches vorträgt, der zu dem Genannten nicht fähig ist oder ihm rationale Abwägungen zumindest eher schwer fallen und er diesen gezielt ausweichen möchte. Insofern kann hier auch ein Fall von Übertragung oder Projektion einer eigenen Unzulänglichkeit in den anderen hinein vorliegen.

Vor allem aber liegt eine solche Projektion ja schon deshalb gerade bei denjenigen nahe, die sich generell mit sachlichen, rationalen Erörterungen eher oder sogar sehr schwer tun. Wer selbst vor allem, zumindest primär, wenn nicht fast ausschließlich gefühlsmäßig und interessegeleitet gesteuert ist, bei dem liegt es ja auf der Hand, dass er davon ausgeht, dass alle anderen genauso sind wie er. Wer zu den 80 Prozent nach Gerhard Roth gehört, wird automatisch davon ausgehen, dass alle, dass 100 Prozent der anderen so sind wie er, zumal ihm ja die Sphäre der sachlichen-rationalen Erörterung viel weniger vertraut, die Sphäre der Gefühls- und Interessegeleitetheit dagegen sehr wohl bekannt und bestens vertraut ist. Und schließlich will er ja auch mitreden. Wie könnte er das besser tun, als indem er das Gespräch auf diese Ebene zu ziehen versucht, die ihm gut bekannt ist, unter völliger Umgehung des rationalen, sachlichen Diskurses.

Übrigens kam der Entwicklungspsychologe Lawrence Kohlberg in seinen Forschungsarbeiten zur Moralentwicklung mit Längsstudien über 30 Jahre zu dem Ergebnis, dass nur etwa 25 Prozent der Menschen die Ebene der ethischen Reflexion von Moral oder der „postkonventionellen Ebene“, wie er sie nannte, erreichen. Das erinnert an den Befund des Hirnforschers Roth. Aber bleiben wir bei denen, die mit dem Ausdruck „Panikmache“ operieren und damit den Diskurs auf eine andere Ebene zu ziehen versuchen. Hinter solchen Bemerkungen steckt natürlich immer auch die Mutmaßung, mit den anderen stimme etwas grundsätzlich nicht. Deren Gefühlswelt sei irgendwie aus dem Ruder gelaufen, sie seelisch irgendwie gestört, er selbst, der diesen Ausdruck benutzt, aber völlig gesund. Sprich der andere wird psychologisiert, wenn nicht pathologisiert: „Der hat eine grundsätzliche Störung, der kann mit seinen Ängsten nicht umgehen. Das ist sein Problem, nicht meines.“ Damit wird auch versucht, die Gefahr von sich selbst fernzuhalten, sich dem Problem nicht zu stellen, eventuell sogar, weil man selbst Probleme hat, ein gesundes Verhältnis zu Angst und Gefahren zu entwickeln. Dann wäre dies ein Abwehrmechanismus, eine Schutzfunktion, um sich selbst vor der Auseinandersetzung mit der Gefahr zu drücken.

Die zweite mögliche Wurzel des Ausdrucks „Panikmache“: Verschwörungsgläubigkeit

Die andere Möglichkeit, warum jemand diesen Ausdruck „Panikmache“ verwendet, kann sein, dass er unterstellen möchte, bestimmte Kräfte in der Gesellschaft vollen bei anderen gezielt nicht nur Angst schüren, sondern sogar regelrecht Panik, also Hysterie erzeugen, um die Menschen gezielt kopflos zu machen, damit diese Kräfte dann bestimmte Dinge durchsetzen können, die sie schon länger planen.

Diese Kräfte würden das Virus, das in Wahrheit gar nicht so gefährlich sei („das ist so ähnlich wie eine ganz normale Grippe“), also ganz gezielt für ihre Zwecke nutzen. Einige gehen noch einen Schritt weiter und behaupten, diese bestimmten bösartigen Kräfte hätten das Virus entweder selbst gezüchtet und auf die Menschen losgelassen oder frei erfunden. Das geht also sehr stark in Richtung Verschwörungsglaube. „Die da oben“ oder andere „böse Kräfte“ (Bill Gates, die Juden, die Bilderberger …), haben sich gegen das Volk verschworen und wollen diesem gezielt Schaden zufügen.

Zur Verschwörungsgläubigkeit habe ich bereits mehrere Essays verfasst (Verschwörungsmythen und die Instrumentalisierung dieses Begriffs  –  Verschwörungsmythen: Warum bestimmte Menschen ihnen so gerne verfallen  –  Der Psychoanalytiker Hans-Jürgen Wirth über die Paranoia der Verschwörungsgläubigen  –  Das Wesen der Verschwörungsgläubigkeit …), so dass das hier nicht weiter erörtert werden muss. Dass solche Vorstellungen einigermaßen abstrus sind, auf völlig primitiven Grundannahmen aufbauen, vollkommen unterkomplex, kaum reflektiert, unkritisch sich selbst gegenüber sind und dem Wunsch nach Komplexitätsreduktion über eine leicht greifbare Sündenbockkonstruktion entspringen, soll hier genügen. Wie wäre nun das Alternativmodell?

Das sachliche Alternativmodell: eine Güterabwägung vornehmen

Dieses bestünde natürlich darin, eine kritische Abwägung vorzunehmen,

  1. ob diese behauptete und empfundene Gefahr tatsächlich besteht oder nur eingebildet ist,
  2. wenn sie real ist, wie groß diese Gefahr ist, und
  3. welches a) geeignete, b) notwendige und c) verhältnismäßige Maßnahmen sein können, um diese Gefahr, genauer: um das bevorstehende Übel abzuwenden, unter Beachtung von d) nicht gewünschten Nebeneffekten der Gefahrenabwehrmaßnahmen.

Denn durch die Bemühungen der Gefahrenabwehr entstehen ja Anstrengungen, die Energie kosten. Diese Energie soll

  • nichts ins Leere gehen, sondern natürlich die Gefahr auch tatsächlich gezielt abwenden, M muss also auch tatsächlich geeignet sein, das Ziel Z zu erreichen,
  • so gering als möglich sein, um das Ziel (Abwehr des bevorstehenden Übels) zu erreichen, es sollte also kein M2 geben, dass viel kleiner ist als M und mit dem Z auch erreicht werden kann, sprich M sollte so effektiv wie möglich sein.
  • Und die eingesetzte Energie muss in einem vertretbaren Verhältnis zum abgewendeten Übel stehen, M muss in Bezug auf Z verhältnismäßig sein. Man sollte vernünftigerweise nicht mit Kanonen auf Spatzen schießen, selbst wenn diese getroffen werden, die Kugeln also nicht ins Leere gehen und selbst wenn es keine andere Mittel gibt, die Spatzen zu treffen (geringstmögliche Maßnahme). Aber die Verhältnismäßigkeit wäre dann wohl schlicht nicht gegeben.
  • Außerdem müssen die nicht erwünschten Wirkungen N der Gefahrenabwehrmaßnahmen M mit bedacht und in die Gesamtkalkulation mit einbezogen werden, so gut man dies eben abschätzen kann. Es muss also auch berücksichtigt werden, was durch M außer Z noch bewirkt wird (N), hier zum Beispiel die psychischen Folgen auf die Bevölkerung.

Es geht hier also immer um Abwägungen: Auf welcher Seite der Waagschale liegen die größeren Gewichte? Und selbstverständlich können unterschiedlichen Personen bei jeweils sachlicher Abwägung zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, zumal wenn es um so komplexe Sachverhalte wie in dieser Pandemie geht und wir vieles noch nicht genau überblicken können. Solche Abwägungen sind oft nicht leicht, aber genau um solche möglichst umfassenden Gewichtungen geht es.

Das müsste dann gemeinsam in einem rationalen Diskurs, der sich an der Realität und an den Regeln der logischen Argumentation orientiert, erörtert, die Gefahr, die Vor- und Nachteile der Gefahrenabwendungsmaßnahmen nach bestem Wissen quasi gewogen werden werden, ohne den anderen von vorne herein einen psychischen Defekt zu unterstellen respektive anzudichten.

Wesen und Sinn der Angst

Zu dieser sachlichen Erörterung würde zum Beispiel auch gehören, den Sinn der Angst zu verstehen und sie von Angststörungen, wie

  • generalisierten Ängsten (Erwartungsängste, Angstneurosen), Ängste ohne konkreten Bezugspunkt, ohne eine konkret vorhandene Gefahr,
  • Phobien (völlig übertriebene Ängste in Bezug auf ganz bestimmte Objekte oder Situationen) und
  • Panikattacken (Hysterie) zu unterscheiden.

Panikattacken (Hysterie) gehen dabei meist mit Herzrasen, Beklemmungsgefühlen, Atemnot, Zittern und völliger Kopflosigkeit, völliger Irrationalität einher, so dass die Gefahr bzw. das drohende Übel gerade nicht vermieden wird, sondern man ihm quasi in die Arme läuft oder wie gelähmt ist und nicht wegrennen kann oder in seiner Kopflosigkeit in ein noch größeres Übel rennt, zum Beispiel Tiere, die vor Raubtieren wegrennen und dann alle in eine Schlucht hinabstürzen, so dass am Ende nicht ein Tier aus der Herde gerissen und gefressen wird, sondern die ganze Herde tot ist.

Das Wegrennen vor den Raubtieren aus Angst wäre hier sehr gesund, in Panik (Hysterie) zu geraten und gar nicht mehr zu schauen, wo man denn hinrennt, also die völlige Fixierung auf die eine Gefahr, wäre dagegen sehr ungesund, hier tödlich. Worum es also geht, ist, in seiner Emotion der Angst den Überblick nicht zu verlieren, sprich dass die höchste seelische Instanz, der Logos, der vernünftige Seelenteil die Führung übernimmt und dieser die Angst, die drohende Gefahr, das zu befürchtende Übel und die Gefahrenvermeidungsstrategien abwägt, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen.

Wesen und Sinn der Angst kann zum Beispiel wie folgt umschrieben werden: Die Angst oder Furcht stellt eines der Grundgefühle, eine der Grundemotionen dar, die wir in sämtlichen menschlichen Kulturen finden und natürlich auch bei höher entwickelten Tieren mit Nervensystem und Gehirn. Diesem Grundgefühl, dieser Grundemotion kommt die biologisch äußerst wichtige Funktion zu, uns vor möglichen Gefahren, insbesondere existenz- und gesundheitsbedrohenden Gefahren zu warnen, um so Kräfte (Energie) freizusetzen, entweder zur Verteidigung oder zur Flucht. Siehe auch: Philosophie der Angst.

Vorsicht: die kleine Schwester der Angst

Gesunde Angstgefühle gehören also zu einem essentiell wichtigen Warnsystem, welches dem Überleben dienlich ist.

Und die Vorsicht (= gesteigerte Aufmerksamkeit, Besonnenheit bei Gefahr oder in bestimmten kritischen Situationen) ist quasi die kleine Schwester oder Helferin der gesunden Angst. Man denke hier zum Beispiel an meist sehr vorsichtige Rehe. Höher entwickelte Tiere und Menschen, denen diese zwei Schwestern fehlen oder bei denen sie ausgesprochen schwach, zu schwach entwickelt sind, werden mit höherer Wahrscheinlichkeit weniger lange leben und sich weniger oft reproduzieren als solche, bei denen ihr Warnsystem fein entwickelt und adäquat an die Umwelt und den in ihr lauernden Gefahren angepasst ist.

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