Europas Versagen in der Pandemie

Von Jürgen Fritz, Sa. 05. Dez. 2020, Titelbild: Our World in Data-Screenshot

Wie bei der unkontrollierten Massenimmigration und der Unfähigkeit der Sicherung der Außengrenzen versagt unser Kontinent auch in der Coronakrise weitgehend, teilweise völlig. Aktuell blamieren sich die Europäer sogar noch mehr als die USA unter Trump. In den letzten sieben Tagen wurden weltweit erstmals mehr als 75.000 COVID-19-Todesfälle registriert, 47 Prozent davon in Europa, das nur 9,5 Prozent der Weltbevölkerung ausmacht.

Weniger als ein Zehntel der Menschheit verzeichnet aktuell fast die Hälfte aller Todesfälle!

Unser Kontinent, wie übrigens auch Nord- und Südamerika – das mag Zufall sein, fällt aber auf: alle sehr stark christlich geprägt, wie Peter Mersch gestern feststellte – versagen in dieser Pandemie weitgehend, teilweise völlig, das zeigt sich immer mehr. Aktuell blamieren sich die Europäer in der ganzen Welt sogar noch mehr als die USA unter ihrem 45., inzwischen abgewählten Präsidenten Donald Trump. Denn in den letzten sieben Tagen starben weltweit erstmals mehr als 75.000 infolge einer Infektion mit SARS-CoV-2, davon 47 Prozent in Europa. Europa (inkl. Weißrussland, Ukraine, Russland, Georgien, Aserbaidschan, Kasachstan …) macht aber nur 9,5 Prozent der Weltbevölkerung aus. Weniger als ein Zehntel der Menschheit verzeichnet aktuell fast die Hälfte aller Todesfälle!

Das Ganze hat übrigens weniger mit den Regierungen als den jeweiligen Bevölkerungen zu tun. Es ist ja gerade die Führung des Landes, vor allem die Kanzlerin Angela Merkel, ihr Kanzleramtsminister Helge Braun, und auch die Führung der ehemaligen großen Volksparteien, besonders der CDU und der CSU (Markus Söder), aber auch der SPD, so zum Beispiel der Hamburgische Erste Bürgermeister Peter Tschentscher oder auch der Regierende Bürgermeister von Berlin Michael Müller, die hier durchaus ein höheres Problembewusstsein haben als die meisten. Wer in dieser Krise dagegen völlig versagt, ist die FDP, die ich fast 20 Jahre lang wählte und noch mehr natürlich die AfD, die sich als wahre Egoisten-Parteien ohne jeden Horizont erweisen. Das eigentliche Problem geht aber viel tiefer, denn alle Parteien sind Abbilder unserer Gesellschaft, unserer Bevölkerung und des Zeitgeistes.

Wir haben vor allen Dingen eines: ein Bildungsproblem

Und hier zeigt sich etwas Grundsätzliches. Die Problemlöse-Kompetenz geht meines Erachtens nicht bei allen, aber doch bei weiten Teilen der Gesellschaft seit Jahrzehnten immer mehr zurück. Einem Gehirn, das niemals eine passable Denk- und Urteilskompetenz entwickelt hat, nutzt es wenig, wenn immer mehr Informationen hineingeschüttet werden. Denn alle diese neuen Informationen werden immer in die bestehenden kognitiven Strukturen eingeordnet.

Nur ein kleiner Teil der Menschen ist aber fähig, geistige Strukturen, die einmal vorhanden sind, selbstkritisch zu reflektieren und zumindest teilweise zu modifizieren, grundlegend weiter zu entwickeln oder gar falsche und schlechte Muster völlig abzubauen, um ganz andere Deutungsmuster neu aufzubauen. Das heißt, sobald diese geistig-seelische Strukturen mal aufgebaut sind, bleiben sie bei den allermeisten bis zum Lebensende, bauen im Alter höchstens noch ab.

Genau deshalb ist Erziehung und Bildung so wichtig. Alle „Religionen“ (metaphysisch spekulative Weltanschauungen) und rein weltliche Ideologen wissen das und wollen genau deshalb unbedingt den Zugriff auf die kleinen Kinder. Wer diesen hat, bestimmt in wenigen Jahrzehnten nahezu alles.

Der weit verbreitete Mangel an Urteilskompetenz

Das ist übrigens auch der Grund, warum ich Massenmigration aus fremden, rückständigen Kulturkreisen so sehr ablehne: Weil diese Gehirne und damit die Seelen oftmals bereits anders programmiert sind und nur selten nochmals völlig modifiziert werden können. Dieses Problem betrifft aber genauso die einheimische Bevölkerung, die sich seit Jahrzehnten von der Aufklärung und der Moderne lossagt und zur antiaufklärerischen, vernunftfeindlichen Postmoderne, andere, insbesondere die ganzen Verschwörungsgläubigen, „Querdenker“ (Unmutsfühler), Esoteriker etc., zu völlig archaischen kognitiven Mustern übergegangen sind.

Der Schlüssel ist, wie gesagt, Erziehung und Bildung. Wenn in jungen Jahren nicht die Strukturen gelegt werden, um auf einem gewissen Niveau richtig, das heißt logisch denken zu lernen und eine gewisse Urteilskompetenz zu entwickeln, wenn keine entsprechende Diskussions- und Debattenkultur entwickelt wurde, keine Wahrheitsliebe und keine kritische Selbstreflexion usw. usf., dann ist es sehr schwer, das in späteren Jahren nachzuholen.

Kritische Selbstreflexion als conditio sine qua non zur Selbsterziehung und Selbstbildung

Informationen nutzen da gar nichts, weil diese, wie oben bereits erwähnt, immer in die bestehenden Strukturen eingeordnet, diese selbst aber nur äußerst selten angepasst oder gar grundlegend geändert werden, falls jemand merkt, dass seine Deutungsmuster nicht passend, dass sie falsch oder schlecht sind, was ja bereits so etwas wie einen nicht-ideologischen Maßstab voraussetzt und dass man bereit ist, diesen an sich selbst anzulegen. Die meisten merken das ja aber schon nicht und wollen das auch nicht merken, was an ihnen selbst und ihren Deutungsmustern, ihrem Weltbild nicht gut ist und was gar nicht stimmen kann.

Dazu müsste man – da diese Weltbilder bereits tief internalisiert sind – sich selbst erstmal negieren, wozu nur sehr, sehr wenige fähig sind und was einen zunächst mal in eine innere Krise stürzt. Dazu muss ja das Gehirn, genauer: der von ihm erzeugte Geist 1. auf sich selbst gerichtet werden, muss sich 2. selbst beurteilen (genau das macht die Menschenwürde aus, die Fähigkeit, sich selbst nach allgemeinen Prinzipien zu beurteilen), mithin Teile von sich selbst als negativ kennzeichnen, sodann 3. ein Ich-Ideal entwerfen und 4. versuchen, sich diesem Ich-Ideal anzunähern, wobei 5. ständige Evaluationen notwendig sind, ob man auf dem richtigen Weg ist und was man schon erreicht hat und was noch nicht. Diese Fähigkeit zu vermitteln, wobei hier die zwei ersten Schritte meist am schwersten fallen, ist die Krone der Erziehung und Bildung: ihre Überführung zur Fähigkeit der Selbsterziehung und Selbstbildung.

Die Pandemie macht Dinge deutlich, die schon lange vorhanden sind

Was wir derzeit sehen, dieses völlige Versagen angesichts der ersten größeren gesellschaftlichen Bedrohung seit vielen Jahrzehnten, macht nun diese Erziehungs- und Bildungsmängel überdeutlich. Die Coronakrise oder COVID-19-Pandemie ist hier quasi wie ein Indikator, der insbesondere aufzeigt, wie wenig einige ihren Egoismus überwinden und in wissenschaftlichen, funktionalen, gesellschaftlichen und in ökonomischen Zusammenhängen denken können

Solange wir die Seuche so stark in der Gesellschaft haben, wird natürlich auch die Wirtschaft nicht mehr rund laufen. Wer also die Wirtschaft schnellstmöglich sanieren will, der muss als erstes die Seuche unter Kontrolle bringen, wie es all die Ostasiaten (China, Japan, Südkorea, Taiwan, Singapur …), die uns in puncto Realitätssinn und Problemlöse-Kompetenz inzwischen deutlich überlegen sind, und die Australier getan haben. Die erarbeiten sich inzwischen schon einen riesigen wirtschaftlichen Vorsprung, feiern Partys und leben ganz normal, weil sie das Problem schnell unter Kontrolle gebracht haben, während bei uns Hinz und Kunz, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben, erstmal monatelang diskutieren wollen, ob wir überhaupt ein Problem haben, wenn ja, wie man damit umgehen sollte und dann jedes Bundesland sein eigenes Süppchen kocht und am Ende keiner so genau weiß, was jetzt eigentlich der Plan und was die Regelungen sind.

Die Ostasiaten können sich wohl nur noch wundern, was mit Europa lost ist

Europa – wie gesagt inzwischen nicht mehr 25 Prozent der Weltbevölkerung wie im frühen 20. Jahrhundert, sondern nur noch 9,5 Prozent, Tendenz immer weiter sinkend – ist schon lange auf dem absteigenden Ast und die Europäer werden, man muss das wohl so sagen, zunehmend eher blöder als klüger. Vor allem, sie scheinen seelisch immer mehr ideologisch in die eine oder in die andere Richtung deformiert – entweder sozialistisch-neomarxistisch bis hin zu linksextremistisch, marktwirtschaftsfeindlich oder religiös und erzkonservativ bis hin zu rechtsextremistisch – und immer weniger problemlösekompetent, was meines Erachtens mit regressiver Denk- und Urteilskompetenz zu tun hat. Hierin liegt wohl vieles begründet und deswegen lachen die Ostasiaten inzwischen über uns oder die Wohlwollenderen wundern sich, was mit Europa los ist.

Was wir tun müssen, wenn wir dem entgegensteuern wollen? Unbedingt den absoluten Schwerpunkt auf die Erziehung und Bildung legen und hier zurückfinden zu aufgeklärtem, wissenschaftlich-philosophischem sowie am Gemeinwohl ausgerichteten statt einem mythisch-religiösen-ideologischen oder ausschließlich am Ich orientierten Denken. Das war alles schon mal da und zwar hier bei uns in Europa. Es war nicht perfekt, sehr vieles war verbesserungsbedürftig, aber wir waren auf einem Niveau, das niemand sonst hatte in der Welt.

Der Weg und das Ziel

Bei der Iwakura-Mission 1871 bis 1873 reiste eine Gruppe von 48 hochrangigen japanischen Politikern und Gelehrten sowie Studenten nach Nordamerika und Europa, insbesondere auch Deutschland, weil sie von uns lernen und ihr Land modernisieren, weil sie den Anschluss finden wollten. Die Erkenntnisse, die auf dieser Mission gewonnen wurden, spielten für die Entwicklung des modernen japanischen Staates eine entscheidende Rolle. Japan wurde in den kommenden Jahrzehnten und bis heute eine industrielle, technologische und wirtschaftliche Weltmacht. Europa (und das europäisch geprägte Nordamerika) waren der Maßstab für die gesamte Welt. Da hätte man ansetzen können und das weiter ausbauen und fortentwickeln. Dahin müssen wir zurückfinden.

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